Mittwoch, 13. September 2017

Alvvays, Köln, 12.09.17


Konzert: Alvvays
Ort: Blue Shell, Köln
Datum: 12.09.2017
Dauer: Alvvays 65 min, Alaskalaska knapp 35 min
Zuschauer:  ca. 200 (ausverkauft)



Manchmal gibt es so Konzerte, auf die man seit Jahren wartet. Also nicht "man" sondern ich, normale Menschen haben solche Probleme nicht. Seit Alvvays 2014 in meiner Aufmerksamkeit aufgetaucht sind, möchte ich die kanadische Indiepop-Perle live sehen. Das Debüt-Album Alvvays ist eine fantastische Sammlung wundervoller Lieder. Das bekannteste von denen ist Archie, marry me, meine Lieblinge sind allerdings Atop a cake und Next of kin. Vergangene Woche erschien Nachschub mit Antisocialites. Ich hatte das Album am Nachmittag zum ersten Mal gehört und war sehr angetan, wie durchgängig gut die Platte geworden ist. Drei, vier Lieder blieben sofort hängen, was ein Qualitätsmerkmal ist.

Der Einlaß hatte sich eine ganze Weile verzögert, weil es wohl technische Probleme gab. Das Blue Shell war ausverkauft, daher war ich früh da. Als die Türe geöffnet wurde, ging es plötzlich sehr flott. Eine ganze Menge junger Menschen schleppte Sachen auf die Bühne, stellte sich auf und begann ein Konzert. Alaskalaska hatte ich irgendwo aufgeschnappt und wieder vergessen. Daß ich den Namen in ein paar Jahren noch weiß, bezweifele ich stark, denn nach ganz okayem Beginn, wurden Alaskalaska irgendwann unschön. Dieses Irgendwann kann ich präzisieren. Bei den ersten Liedern kam das bedrohlich vor mir schwebende Saxophon nur durch wenige, sehr untypisch gespielte Töne zum Einsatz. Als stünde in seinem Vertrag "ab Minute zehn darfst Du hemmungslos sein", begannen dann die fiesen 80er-Jahre Saxophon-Soli. Aus einen harmlosen aber nicht schlechten Konzert wurde dadurch eine Funkpop-Sache, die leider so gar nicht als Vorbereitung für die Hauptband taugte. Aber auch 34 Minuten gehen vorbei, auch wenn die letzten 20 schwierig waren.

Als Alvvays um halb zehn zu Klängen dieses Dudelsack-Pophits aus vergangenen Zeiten, dessen Namen mir nicht einfallen will, auf die Bühne kamen, war das Blue Shell knallvoll. Warum auch immer... Alvvays sind für eine Indiepop-Band riesengroß! Daß das verdient ist, war nach drei Minuten jedem im Saal bewußt. Alvvays haben nicht nur die Songs, sie spielen sie auch hervorragend live und - überhaupt nicht unwichtig - die Band ist hochsympathisch.

Es begann mit Saved by a waif vom neuen Album, dem Lied mit den hohen Tönen im Refrain, das aber trotzdem auch von Camera Obscura stammen könnte. Nach einem der großen Hits von der ersten Platte (Adult diversion), folgten erst einmal nur Lieder von Nummer zwei. Eigentlich keine gute Idee, allerdings sind In undertow, Plimsoll punks und Lollipop (Ode to Jim) Riesenhits. Ich kannte keins der neuen Lieder länger als ein paar Stunden, sie klangen aber während des Konzerts nicht nur vertraut, sie lösten bei mir auch nach ein paar Takten großen Spaß aus. In undertow, dessen erste Töne mich an I think we're alone now von Tiffany* erinnern (was gut ist!) ist ein verdammt guter Song! Plimsoll punks auch! Und Lollipop


Ich habe selten ein Konzert einer Band mit ganz frischer neuer Platte erlebt, das so homogen verlief. Nur einmal, bei Forget about life gab es einen kurzen geplanten Bruch. Sängerin Molly Rankin legte die Gitarre weg und sang das ruhigste Stück, das auch von Flowers stammen könnte.

Das Konzert war fantastisch und hatte keinen Moment, der es nicht war. Bis auf Already gone spielte die Band jedes Lied der neuen Platte. Und dazu die Knüller des ersten Albums. Aus denen ragte, was die Reaktionen angeht (meine Vorlieben hatte ich ja geschildert), natürlich Archie heraus. Das Stück hat unfassbar hohe Spotify-Statistiken, erfuhr ich vor dem Konzert. Aber es war nur eines von vielen Highlights. 


Weil das Blue Shell (das nichts mit dem bösen Shell zu tun hat, Molly und Alec!) so voll war, konnten die fünf Kanadier die Bühne nicht verlassen und spielten die Zugaben gleich mit. Die Frontfrau hatte das kurz vor dem geplanten Ende ihren Kollegen angesagt (neben Gitarrist Alec O'Hanley sind das Keyboarderin Kerri MacLellan, Schlagzeugerin Sheridan Riley und Bassist Brian Murphy). Die erste (nicht-wirklich) Zugabe war Dives vom Debüt, das letzte Lied ein Cover. Als Molly etwas von "Let's go swimming" sagte und die ersten Takte auch so klangen, dachte ich einen Moment an ein Allo Darlin' Cover, das fremde Lied war aber Trying to be kind von The Motocycle Boy, das auch in der Alvvays-Version toll war! 

Was mich aber neben der wundervollen Musik so begeisterte, war das souveräne aber unglaublich nette Auftreten der Band. Alvvays spielten vor vollem Haus, waren aber herrlich natürlich. "Ist heute Dienstag? Wie heißt Dienstag auf Deutsch?" Später fragte die Sängerin, wo Düsseldorf liege. Fans hatten die Band angeschrieben und gebeten, auch einmal in Düsseldorf zu spielen. Aus den kölntypischen Reaktionen schloß sie, daß man sich nicht mag. "Oh, the Dusseldorfians are your rivals?" Auch wenn sie diesen Teil der Kölner DNS nicht kannte, hatte Molly mehr Ahnung von Köln als ich. "Cologne is the city of giving, isn't it?" begründete sie ihren Wunsch, daß wir die "tiny people" von hinten nach vorne durchlassen sollten.

Musikalisch erinnern mich Alvvays oft (und sehr gerne) an Camera Obscura (was sehr sehr gut ist!). Die schottische Band ist aber legendär müssrisch auf der Bühne und zählt nicht zu den nettesten hundert unter meinen Lieblingsgruppen. Alvvays sind die netten Camera Obscura. Das wusste ich bis gestern nicht, das begeistert mich aber noch einmal eine Ecke mehr für die Kanadier!

Setlist Alvvays, Blue Shell, Köln:

01: Saved by a waif
02: Adult diversion
03: In undertow
04: Plimsoll punks
05: Lollipop (Ode to Jim) 
06: Not my baby
07: Hey
08: Atop a cake
09: Forget about life
10: Your type
11: Next of kin
12: Ones who love you 
13: Archie, marry me
14: Dreams tonite
15: Party police
16: Dives
17: Trying to be kind (The Motocycle Boy Cover)


* eigentlich eher an die Lene Lovich-Version. Aber die von Tiffany mag ich halt auch sehr.


 


1 Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Alvvays in Köln ? ;wie schön, dass die Band auch mal hier vorbeikommt, dachte ich mir bereits lange im Vorfeld des Konzerts. Und dann noch ein neues Album, dass gerade erschienen ist ? ; Das wird ja immer besser !

Die neuen Songs haben sich, wie ich finde wunderbar in das Repertoire der Band eingefügt, und funtionieren auch live hervorragend. Obwohl auch bei mir im Vorfeld, kaum Zeit war, "antisocialites" richtig zu hören, gab es während des Konzertes doch den ein oder anderen Moment der Wiedererkennung (z.B. plimsoll punks, hey, die eine Menge Spaß machen, oder das wunderbar melancholische not my baby)
Dankbar bin ich selbstverständlich auch darüber, dass meine persönlichen Favoriten wie z.B. atop a cake oder next of kin auch gespielt wurden.
Unter dem Strich ein gelungener Abend.

In Amerika und UK scheinen Alvvays ja schon relativ bekannt zu sein, hierzulande, so lässt sich festhalten, sind sie grade dabei zu klettern. In letzter Zeit habe ich nämlich öfters mal musik von Alvvays in verschiedensten Kneipen/Clubs gehört. Auch dort, wo man es nicht erwartet.

Ein Wort noch zur Vorband " Alaskalaska":
Ja, es war in Teilen auch nicht ganz mein Fall. Aber ich muss festhalten, dass dieser "Art-pop", der sich verschiedensten Stilen bedient, nicht uninteressant scheint.

 

Konzerttagebuch © 2010

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