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Montag, 9. Juni 2008

Interview mit Alina Simone

3 Kommentare

Interview: Alina Simone

Ort: Auf der Wiese des Parks von La Villette, Paris
Datum: 08.06.2008


Nach dem Konzert in dem kuriosen Glaskasten stand Alina mir für ein paar Fragen zur Verfügung. Wir überlegten uns kurz, wo wir uns ausbreiten sollten und entschieden uns für ein Plätzchen auf der Wiese gleich neben einem Baumstamm und mit Blick auf den Canal, der durch la Villette fliesst.

Die erste Frage beschäftigte sich natürlich mit dem abgefahrenen Austragunsort:

Konzerttagebuch.de:
Alina, wie war das für Dich heute in diesem Käfig auf dem Gelände von La Villette zu spielen?

Alina Simone:

Oh, Du meinst diesen Glaswürfel ?(auf englisch sagt sie lachend: "the glas cube"). Na, das war sehr nett! Für mich war das eine ungewöhnliche, aber wundervolle Idee! Ausserdem waren alle Kopfhörer vergriffen, so dass ich auch mit dem Publikumsinteresse zufrieden war. Vor allem hatte ich den Eindruck, dass die Leute aufmerksam zuhören und das ist immer schön für einen Künstler.

Konzertagebuch.de:

Hast Du schon einmal unter solchen Bedingungen gespielt? War das für Dich das erste Mal in einem solchen Glaswürfel?

Alina Simone:

Oh ja, das war für mich auch eine ganz neue Erfahrung! Vielleicht bin ich noch nicht soviel rumgekommen, aber so etwas hatte ich vorher noch nicht!

Konzerttagebuch.de

Wurdest Du vorher über den kuriosen Spielort informiert?

Alina Simone:

Halbwegs. Sie sagten mir, das das Konzert in einem "Glas Cube" stattfinden solle. Ich wusste allerdings nicht, was ich davon zu erwarten hatte. Ich bin davon ausgegangen, dass ich darin stehen kann. Ich spiele grundsätzlich lieber im Stehen. Sie fragten mich dann, ob ich einen Stuhl haben wolle und ich lehnte ahnunglos ab, "no thank you". Als ich dann das Teil sah und zum ersten Mal reinkroch, merkte ich sofort, dass es unmöglich ist, darin zu stehen! Da wollte ich doch einen Stuhl und sie sagten sofort: o.k., kein Problem! (Alina kichert, als sie die Story erzählt...)

Konzerttagebuch.de:

Du warst ja kürzlich schon einmal in Paris und hast eine Show bei einem Radiosender gespielt. Wie ist das gelaufen?

Alina Simone:

Ja, das war für Planet-Claire und war sehr gut. Der Leiter der Sendung, Dennis, ist ein sehr netter und lustiger Typ. Und sein Kollege Laurent war auch extrem engagiert. Er schickte mir hinterher noch einige Mails, an denen man erkennen konnte, dass er eine Menge über russische Rockmusik wusste. Er war offen und neugierig und fragte mich Details über einzelne meiner Songs, was mich sehr freute. Wir sprachen auch viel über die besten Bands aus Russland, die Musikszene dort, etc. So etwas ist toll, da bekommt man als Künstler das Gefühl, dass sich die Leute, die die Show machen, wirklich für die Musik interessieren und nicht nur einen Namen aufbieten wollen, der vielleicht gerade angesagt ist.

Konzertagebuch.de:

War das eine öffentliche Sendung? Konnten da Zuschauer teilnehmen?

Alina Simone:

Eigentlich nicht. Ich habe zwar eine Freundin mit reingenommen, aber das Ganze spielte sich in den privaten Studios des Senders ab.

Konzerttagebuch.de:

Hast Du ungefähr die gleichen Lieder wie heute gespielt?

Alina Simone:

Ja, weitestgehend. Aber im Radio habe ich mehr Stücke als heute vorgetragen.

Konzertagebuch.de:

Ich habe Dich im Pariser Club "La Java" vor ein paar Wochen entdeckt. Auch dort hast Du mit zwei englischen Songs begonnen, bevor Du dann zu den Coversongs von Yanka Dyagileva übergegangen bist. Ein Lied fehlte damals aber und zwar "Nightswimming" (vom Album "Placelessness"), das Du heute ganz zum Schluss gebracht hast.

Alina Simone:

Stimmt. Das lag daran, dass wir ein paar technische Probleme hatte und ausserdem hätte das Instrument, das ich für diese Lied verwende, einen speziellen Soundcheck erforderlich gemacht.


Konzerttagebuch.de:

Oh, ja, dieses Instrument! Erzähl mir doch einmal davon. Wie heisst dieses Ding? So etwas hatte ich noch nie gesehen...

Alina Simone (lächelt):

Das nennt man Strumstick, ein traditionelles Folk- Instrument, das aus den amerikanischen Hochebenen kommt. Es sieht etwas ungewöhnlich aus, das stimmt. Das liegt an der Form (Anmerkung: langer Stiel, kleiner Klangkörper, so sieht das aus), was dazu führt, dass mich Leute oft darauf ansprechen.

Konzerttagebuch.de:

Um auf Deine Setlist bei den Shows zurückzukommen: man kann also sagen, dass Du immer wechselst, zwischen Deinen eigenen englischen Songs und den russischen Covern ?

Alina Simone:

Im Grunde genommen schon. Bei Konzerten in Amerika fokussiere ich mich aber noch stärker auf die russischen Lieder, weil das Album dort im August erscheinen wird.

Konzerttagebuch.de:

Eine Sache ist dabei auffällig. Die Cover von Dyagileva tragen allesamt englische Titel. Warum?

Alina Simone:

Das ist richtig. Ich habe alle Songtitel und auch die Texte übersetzen lassen, damit die interessierten Hörer, die kein russisch beherrschen, besser verstehen können, was Dyagileva mit ihren Texten übermitteln wollte.

Konzerttagebuch.de:

Sind denn Deine Versionen nahe am Original, oder hast Du Dinge verändert?

Alina Simone:

Das kommt darauf an. Einige Stücke sind komplett anders, das ist fast wie Tag und Nacht (lacht). 2 oder 3 Lieder entsprechen aber fast dem Original, obwohl ich immer Details hinzufüge.

Konzerttagebuch.de:

Hat Dyagileva denn solo gespielt damals, oder hatte sie eine Band?

Alina Simone:

Manchmal hatte sie einen Drummer und einen Bassisten, oft war sie aber solo unterwegs.

Konzerttagebuch.de:

Und wann sind die Lieder entstanden? Du sagtest, dass die Künstlerin 1991 gestorben ist?

Alina Simone:

Ja sie starb 1991 mit nur 24 Jahren und die Lieder hat sie zwischen 1987 und 1991 aufgenommen, also in der Glasnostära.

Konzerttagebuch.de:

Wie kamst Du eigentlich auf diese Künstlerin?

Alina Simone:

Ich habe nun einmal russisch-ukrainische Wurzeln, da lag das nahe. Viele Freunde und Bekannte erzählten mir überdies von ihr, so dass meine Neugierde geweckt wurde.

Konzerttagebuch.de:

Du bist Russin, lebst aber in schon lange in Brooklyn. Da gibt es so viele spannende Bands! In letzter Zeit habe ich etliche gesehen, die da herkommen (ich zähle auf: Dirty Projectors, Telephate, Levy, etc...). Und vor allem gibt es TV On The Radio und Liars.

Alina Simone:

Klar, TV on The Radio! Und der Produzent der Liars arbeitet auch für mich und hat meine beiden Alben produziert.

Konzerttagebuch.de:

Fühlst Du Dich als Teil einer Brooklyner Musikszene, oder willst Du lieber völlig eigenständig sein?

Alina Simone:

Ach weisst Du, Brooklyn ist so gross, da gibt es viele verschiedene Szenen. Ich bin allerdings definitiv kein Teil einer Szene, vor allem auch deshalb, weil ich gerade ein Album mit russischen Coversongs mache. Das passt in keine Schublade und ist z.B. TV On The Radio natürlich überhaupt nicht ähnlich. Davon abgesehen habe ich aber selbstverständlich viele Musikerfreude in Brooklyn, die mich unterstützen. Das läuft aber eher auf persönlicher Ebene ab und hat weniger mit der Musik zu tun.

Konzerttagebuch.de:

Gehst Du denn manchmal mit Musikerkollegen aus Brooklyn auf Tour?

Alina Simone:

Ja, das kommt vor. In Berlin habe ich zum Beispiel kürzlich mit den Castanets gespielt und in Chicago werde ich mit einer anderen Gruppe aus Brooklyn auftreten. Trotzdem führt das nicht dazu, dass ich Teil einer Szene werde. Es sind vor allem Booker, die glauben, dass unsere Musik gut zusammenpasst.

Konzerttagebuch.de:

Definierst Du Dich denn eigentlich eher als Folk-oder Punksängerin?

Alina Simone:

Ich sehe mich schlicht und einfach als Sängerin und passe auch nicht in eine zu enge Schublade. PJ Harvey oder Scout Niblett (deren Namen ich zuvor ins Spiel gebracht hatte) schätze ich z.B. sehr, verfolge aber meinen eigenen Stil, der zwischen ruhigeren Folk- und aggressiveren Punkssongs hin und her schwankt. Wichtig ist mir vor allem, gute Melodien zu haben.

Konzerttagebuch.de:

Dein Gitarrenspiel ist sehr engergisch, das mag ich sehr. Ich sehe da Parallelen zu Scout Niblett, aber auch zu Julie Doiron.

Alina Simone:

Mag sein. Ich habe jedenfalls schon mit beiden zusammen gespielt, mit Julie übrigens in Frankreich.

Konzerttagebuch.de:

Lass uns doch einmal kurz über Deine kürzlich absolvierte Deutschland-Tour zu sprechen kommen. Wie lief es denn da so. Was war für Dich persönlich die beste Show, das angenehmste Erlebnis?

Alina Simone:

Ich mochte die Konzerte in Berlin am liebsten. Sie waren sehr gut besucht und die Leute nett und herzlich. Es waren auch ein paar dabei, die mich zuvor schon einmal live erlebt hatten. I love Berlin, it's a great city!

Konzerttagebuch.de:

Und wie war es, in der deutschen Provinz zu spielen, wie z. B. in Bielefeld?

Alina Simone:

Auch interessant, zumal die Location in Bielefeld - ein altes Kino - eigentlich sehr gross war.

Konzerttagebuch.de:

Wie sind die Leute in der Provinz überhaupt auf Dich aufmerksam geworden? Woher wussten sie von den Konzerten?

Alina Simone:

Mein Manager Michel Bergner hat super Arbeit geleistet und ausserdem habe ich oft in lokalen Radiostationen vor Ort gespielt, um auf die Veranstaltungen hinzuweisen.

Konzerttagebuch.de:

Und was war grundsätzlich Dein bisher bestes Konzert, Dein schönstes Erlebnis?

Alina Simone:

Das ist noch gar nicht so lange her. Im April bin ich in einem Pub in Manhattan aufgetreten und hatte meine ganze Band dabei. Der Laden war knallvoll und die Stimmung famos! Sogar meine Familie war dabei, die sind extra aus Massachusetts angereist. Einfach unbeschreiblich!

Konzerttagebuch.de:

Gehst Du denn selbst gerne auf Konzerte? Als Zuschauer meine ich?

Alina Simone:

Klar mag ich das, aber ich trete oft selbst auf und da bleibt mir nicht so viel Zeit übrig. Ausserdem hänge ich an meinen freien Tagen nicht so gerne in Clubs rum, da bin ich ja sonst schon häufig genug...

Konzertagebuch.de:

Du warst ja auch bei SXSW in Texas, da gab es doch bestimmt jede Menge toller Bands zu entdecken, oder?

Alina Simone:

Ja klar, aber ehrlich gesagt, war mir das alles zu überlaufen da und ich wollte auch was von der Umgebung sehen. Deshalb habe ich meistens an einem See relaxt und gelesen (sie grinst). Es treten einfach zu viele Gruppen (1.500) dort auf, das ist eine Massenveranstaltung auf engstem Raum und dies passt nicht so recht zu meiner intimen Musik.

Konzerttagebuch.de:

Letzte Frage: Hast Du auf Deiner Deutschland-Tour auch ein wenig deutsch gelernt?

Alina Simone:

Super, dankeschön. Mein Bier...

Konzerttagebuch.de:

Magst Du das deutsche Bier?

Alina Simone:

Ich trinke gar kein Bier! Aber dieses vietnamesische Essen in Berlin war toll. Na gut, typisch deutsch ist das ja nicht (lacht laut)... Aber warte, in Süddeutschland (Konstanz) habe ich gerne diese Nudeln gegessen. Wie nennt ihr das? Spätzle? Die mochte ich sehr, zumal ich kein Fleisch esse.

Konzerttagebuch.de:

Vielen Dank für das angenehme Gespräch und viel Erfolg bei der Amerika - Tour im Sommer!

Dieses Interview möchte ich Eike vom Klienicum widmen. Durch ihn habe ich überhaupt erst von dieser vorzüglichen Künstlerin erfahren! Tausend Dank!

Und auch bei Michel Bergner möchte ich mich bedanken, der sich toll dafür eingesetzt hat, dass dieses Gespräch zustande kam!





Sonntag, 8. Juni 2008

Alina Simone, Paris, 08.06.08

1 Kommentare

Konzert: Alina Simone
Ort: La Villette (Kiosque Électrique), Paris
Datum: 08.06.2008
Zuschauer: ca. 30-40
Konzertdauer: 30 Minuten


Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

Bei diesem Spruch handelt es sich um eine deutsche Redensart, die inhaltlich soviel bedeutet wie: man soll niemandem die Fehler, oder die schlechten Eigenschaften vorwerfen, die man selbst hat. Auch im Englischen gibt es eine entsprechende Lebensweisheit mit "Glashouse", im Französischen allerdings nur die ähnliche Redensart, bei der es um das "Kehren vor der eigenen Haustüre" geht.

Und im Russischen? Alina Simone stammt aus der Ukraine, also wäre es interessant zu wissen, ob es in der Muttersprache der Künstlerin (ukrainisch ist wohl russisch sehr ähnlich) auch solch ein Sätzlein mit Glashaus gibt.

Wiktionary gibt folgende Übersetzung an: "Kto sidit w stjekljannom domje, tomu nje sljedujet brosat kamni". Nicht, dass ich das verstehen würde, aber wozu lernt meine Frau russisch? Sie behauptet auf jeden Fall, dass die russische Version der deutschen Redensart entsprechen würde.

Wozu ich mir diese Fragen im Zusammenhang mit dem Glashaus stelle? - Na, weil Alina Simone in einem solchen ein Konzert spielte! Genauer gesagt musizierte sie sitzenderweise in einem Glaskasten, der auf einer Wiese des riesigen Geländes des Parc de la Villette verankert war! Kurios, so etwas hatte ich noch nie gesehen und auch für die Sängerin mit Wohnort Brooklyn war es eine neue Erfahrung!

Mit einiger Mühe hatte ich rechtzeitig den Teil der Wiese gefunden, auf dem sich der Glaskasten befand. Den sog. "Kiosque Eléctronique kannten noch nicht einmal Helfer des Festivals La Villette Sonique, die ich zuvor nach dem Weg gefragt hatte. Der Auftritt von Alina gehörte zu jenem Festival, lief allerdings unter der Überschrift "Showcase",
war also gratis, allerdings leider auch nur eine halbe Stunde lang.

Kurz bevor es losging, sah ich Alina noch gutgelaunt bei einem Plausch auf der Wiese, eine Dose Bier in ihrer Hand. Es war heiss heute in Paris, da musste die Kehle noch ein wenig geölt werden. Dann riss sich die dunkelhaarige junge Dame los und machte sich auf den Weg in ihren "Glasbunker".

Aber was war los? War das hier ein Stummfilm, ähh, ich meine ein "Stummkonzert"? Alina riss den Mund auf und ich hörte...nichts! Wie denn auch, ohne Kopfhörer, die auf dem Boden lagen und mit dem Glashäuschen verbunden waren, ging das auch gar nicht! Das Problem war allerdings, dass kein einziger der begehrten Headphones frei war. Etwas sehnsüchtig schaute ich auf die Glücklichen, die die schwarzen Teile auf ihren Öhrchen hatten und der wunderbaren Stimme und den melancholischen Kompositionen der Folksängerin lauschen durften.

Nach dem ersten Lied bekam ich meine Chance; ein Mädchen zog es vor, lieber dem Rauschen der Bäume zuzuhören und liess ihre Kopfhörer an der Seite liegen. Ich bedankte mich, pflanzte mich auf eines der ausgelegten Sitzkissen und stülpte die Kopfhörer über. Ich vernahm ein wunderbares, auf englisch gesungenes Lied. "Saw Edged Grass" (vom Debütalbum "Placelessness"), so der Titel des Stückes, kam druckvoll rüber und stellte textlich die interessante Frage: "Why are the brilliant ones always so crazy?"...

Passend wäre es heute aber auch gewesen, über ein anderes Thema zu sinnieren: "Why do the brilliant ones always die so young?" Passend deshalb, weil die russische Punk-Sängerin Yanka Dyagileva 1991 mit nur 24 Jahren starb und Alinas neues Album "Everyone Is Calling Out To Me, Beware" samt und sonders aus Coverversionen dieser früh dahingeschiedenen Künstlerin besteht. Den Songtiteln merkt man das aber interessanterweise äusserlich nicht an, da die Versionen von Fräulein Simone englische Namen tragen. Eine Kostprobe dieser Coversongs bekam man mit "Special Reason", einem wunderschönen Lied, das von einer feiner Gitarrenmelodie und der wehleidigen Stimme von Alina getragen wird. Wenn die Wahl-New Yorkerin in die melancholischen "ahahahaha"-Klagegesänge einstimmt, könnte ich immer in Tränen ausbrechen, slawische Schwermut geht mir eben sehr nahe, auch wenn ich kein Wort des Textes verstehe. Auch bei "From Great Knowledge" musste ich manchmal schwer schlucken, aber in dem Stück steckt neben der Depressivität auch so viel profunde Schönheit, dass es eine Wonne ist. Schmerzen und Leiden zu artikulieren, hat zudem eine äusserst befreiende Wirkung und in den Cover Versionen von Dyagileva steckt auch eine solch unbeschreibliche Nostalgie, dass vor meinem geistigen Auge Bilder des Berliner Mauerfalls abliefen und ich wildfremde Menschen sah, die sich vor Glück weinend in den Armen lagen. Lange ist das her, aber die Lieder von Dyagileva sind genau in diesen Wendejahren, in Russland Glasnost genannt, entstanden und versetzten mich wieder zurück in jene aufwühlende Zeit...

Das Album "Everyone Is Calling Out To Me Beware" wird übrigens im August offiziell erscheinen,
käuflich kann man im Moment nur eine Art "Eigenbootleg" von Alina erwerben und dies auch nur bei einem Besuch ihrer Konzerte. Erhältlich ist aber bereits das rein englische Album "Placelessness", von dem der abschliessende Song "Nightswimming" stammte. Die talentierte Musikerin trug diesen mit einem für mich exotisch wirkenden Instrument vor, das ich noch nie zuvor gesehen hatte, aber herrliche Töne erzeugte. Es war gitarrenählich, hatte aber einen extrem langen Stiel und einen winzigen Resonanzkörper. Der Name: Strumstick. Wer neugierig geworden ist und wissen möchte, wie so etwas aussieht schaue sich diese Internetseite an.

Achso, woher ich weiss, wie das Instrument hiess? Alina, die in den kurzen dreissig Minuten Auftrittszeit die ihr in dem Gaskasten zur Vefügung stand, restlos überzeugt hatte, verriet mir das in einem Interview, dass ich im Anschluss veröffentlichen werde.

Mit Steinen hat sie übrigens nicht geworfen, nur mit Pfeilen geschossen. Und die gingen direkt in mein Herz!

Setlist Alina Simone, La Villette Sonique, Paris:

01: Beautiful Machine
02: Saw - Edged Grass
03: For A Rainy Day
04: Special Reason
05: From Great Knowledge
06: Nightswimming (kein R.E.M. Cover!)




Donnerstag, 15. Mai 2008

Alina Simone, Paris, 14.05.08

3 Kommentare

Konzert: Alina Simone

Ort: La Java, Paris
Datum: 14.05.2008
Zuschauer: in der Spitze 30, am Ende 16

"Stößt man auf Alina Simone, trifft man auf zwei verschiedene Kulturen. Ihrer Herkunft nach ist sie Ukrainerin, doch bereits als Baby kam sie in die Staaten. Ihre Abstammung kann sie nicht leugnen, tief verwurzelt scheinen die Sagen und Märchen, das traurige Element des Volkes, aus dem ihre Eltern stammen. Das Klagen, den Schmerz zum Ausdruck bringen, das kann die junge Frau. Aber sie kann den Geschichten auch einen Lauf geben, das Tempo bestimmen und eine Ende benennen.

Ein weiterer Beweis für ihren bewußten Umgang mit der Vergangenheit und ihrer Herkunft wird ihr neues Album "Everyone Is Crying Out to Me, Beware" sein. Hier spielt sie Cover Yana Stanislavovna Dyagilevas ein, einer Punkpoetin der Glasnostära.

Die Vergleiche mit Harvey, Marshall usw. muss Alina Simone nicht scheuen, sie runden ein Bild ab, das den Eindruck von Eigenständigkeit, Mut und Hingabe hinterlässt."

So hübsch und informativ beschreibt Eike vom Klienicum Alina Simone. Das gibt natürlich Lust, ein Konzert der jungen Dame zu besuchen. Und das habe ich auch getan, in Paris bestand schliesslich heute die Gelegenheit dazu.

"Mensch, Oliver, denk mir bloß an den 14. und die gute Alina!!!", gab mir Eike vor ein paar Tagen noch leicht panisch mit auf den Weg. Seine Sorgen waren unbegründet, wenn es um Termine von Musikkonzerten geht, bin ich viel zuverlässiger als sonst und den 14. hatte ich dick in meine kleines rotes Büchlein eingetragen. Auch das kurzfristig erhaltene Angebot, am gleichen Tage Gratiskarten für ein öffentliches Fernsehkonzert von Vampire Weekend wahrzunehmen, schlug ich aus. Das Date mit Alina ging vor.

Zunächst einmal musste ich mich aber mit den Örtlichkeiten vertraut machen. Die Bar La Java, ja wo liegt die eigentlich? Ich hatte noch nie zuvor dort ein Konzert besucht und musste erst einmal herausfinden, wie man da hinkommt.

Die Internetseite des Ladens verriet es:
La Java, 105 rue du faubourg du temple, 75010 Paris, Métros Belleville/ Goncourt. Concert Alina Simone 21H00/ 10 Euros.

Die wichtigsten Dinge waren also klar und ich begab mich zeitig zum Ort des Geschehens, um auch ja nichts zu verpassen.
In der Gegend wimmelte es nur so vor muslimischen Fleischereien, die den hier wohnhaften Leuten Schweinefleisch in rohen Mengen verkauften (nur ein Witz). Die meisten Händler waren gerade dabei, zu schliessen und mit vereinten Kräften sauberzumachen. Sie hatten ihr Tagwerk volbracht und waren sicherlich froh, nach Hause zu kommen. Für die Fleischverkäufer war es also schon ziemlich spät, 20 Uhr 40 zeigte die Armbanduhr an. Um in die Java zu gehen, war es allerdings noch viel zu früh, als ich die Nummer 105 der rue du faubourg du temple gefunden hatte, stand ich vor verschlossener Tür. Durch eine kleine Passage war ich zu dem Laden gelangt, aber ausser mir war kein Mensch da und nur das Alina Simone Poster an der Mauer beruhigte mich, dass hier und heute doch noch ein Konzert stattfinden müsste.

Um mir die Zeit zu vertreiben, streunerte ich durch die Strassen von Belleville und stellte fest, dass hier die gesamte Gastronomie in nichtfranzösischer Hand war. Neben den Arabern gab es zahlreiche Asiaten, die ihre Produkte feilboten. Sogar die kleinen Papierzettelchen mit abreissbarer Telefonnummer, die man sonst immer in kleinen Läden findet ("suche Job als Babysitter, gebe Gitarrenunterricht, passe auf ihren Wellensittich auf, etc."), waren ausschliesslich in mir unverständlichen asiatischen Buchstaben formuliert.

Belleville (übersetzt: die schöne Stadt) in Paris, weder wirklich schön, noch im eigentlichen Sinne eine Stadt (in dieser Hinsicht verhält es sich ähnlich wie in Berlin-Schöneberg;
dort ist es nicht schön und es gibt auch keinen Berg), aber dennoch eine Gegend, in die viele Menschen, die irgendwann mal aus Afrika oder Asien nach Frankreich eingewandert sind, Hoffnungen auf ein besseres Leben gelegt haben. Insofern ging es ihnen mit Sicherheit nicht anders als den Eltern von Alina Simone, die von der Ukraine nach New York übergesiedelt sind.

Alina stand aber immer noch nicht auf dem Programm. Es war inzwischen 21 Uhr 15, la Java hatte endlich aufgemacht, aber in dem länglichen Kellersaal angekommen, stiess ich zunächst auf weitestgehende Leere. Die Leute traten sich nicht gerade auf die Füsse, will heissen: es war kaum eine Sau da! Und leider, leider sollte sich das im Laufe des Abends auch nicht grossartig ändern. Um 21 Uhr 30 waren höchstens 20 Leutchen versammelt, die sich auf den schönen roten Sofas hinter Holztischen lümmelten. Um etwas Produktives zu tun, begab ich mich zu dem kleinen Merchandising Stand, wo schon alles aufgebaut war. Eike hatte mir in Auftrag gegeben, Tonträger von Alina Simone zu besorgen und ich wurde auch schnell fündig. Für insgesamt 25 Euro gingen drei CDs über den Ladentisch. Das Debütalbum der New Yorkerin, genannt "Placelessness", auf dem euphorische Kritiken von internationalen Musikzeitschriften mittels aufgepappten Aufkleber angebracht waren; dann ein Werk "City Island" von einer Band namens "The Artificial Sea", auf dem Alina singt und auch Textschreiberin war; und schliesslich ihr neues Album "Everyone Is Crying Out to Me, Beware", auf dem sie - wie von Eike erwähnt - Cover Yana Stanislavovna Dyagilevas, einer Sängerin der Glasnostära, die bereits mit 24 Jahren gestorben ist, einspielt.

Der nette Herr am Merchandising Stand war richtig froh, dass er CDs absetzen konnte und stellte sich als Chef des Labels Travellingmusic vor, auf dem neben Fräulein Simone auch noch ein paar ander Künstler vermarktet werden (Hoepffner, Andrew Sweeney, Vinaya, CanceIN), unter anderem er selbst. Er nennt sich Lemoine und war heute als Erster an der Reihe.

Nur mit seiner Gitarre bewaffnet, trug er zumeist auf französisch (in zwei Fällen auch auf englisch) melancholische Lieder vor,
in denen es oft um die Sonne, den Wind, die Wüste ging. Kein Wunder, der Mann stammt wie das Label aus Toulouse und da kann es im Gegensatz zu Paris richtig heiss werden (den Hitzesommer 2003, bei dem in Paris die alten Menschen wie die Fliegen starben, lasse ich einmal ausser Betracht). Musikalisch erinnerte das Ganze ein wenig an Dominique A, obwohl ich wegen des Akzents auch manchmal an den südfranzösischen Barden Francis Cabrel denken musste. Cabrel zu zitieren ist allerdings ziemlich gemein und Lemoine hat das auch nicht verdient. Also Daumen hoch für den sympathischen Labelbetreiber!

Anschliessend war ein reizendes gemischtes Pärchen an der Reihe, das allerdings (noch) nicht zum Label Travellingmusic gehört. Die hübsche junge Frau mit dem feschen Pferdeschwanz und den schönen Beinen stellte sich als June vor und machte auch ihren Partner bekannt: "et ça, c'est Jim!" "Nous sommes June et Jim." Kinogänger wissen es, es handelt sich um einen Film von Kultregisseur François Truffaut und der dürfte auch als Namensgeber hergehalten haben, obwohl der Streifen genaugenommen "Jules (nicht June) et Jim" heisst.

Und die Darbietung, gerade von ihr hatte auch etwas Theatralisches, es würde mich nicht wundern, wenn die attraktive June irgendwann einmal Schauspiel und Theater studiert hat. Witzigerweise kannte ich die für eine Französin ungewöhnlich hochgewachsene Frau schon vom Tindersticks Konzert her. Wir hatten uns zwar nicht unterhalten, aber mir war ihr bezaubernder Ponyhaarschnitt aufgefallen und auch, dass sie nach dem Gig ein Vinyl-Album in den Händen hielt.

Ein erfreuliches Wiedersehen in der Millionenstadt Paris also und auch ihr Partner Jim war mir schon geläufig,
denn ich hatte mitbekommen, dass er mit seiner Freundin spanisch sprach. Ein französisch - spanisches Duo, klar, dass da Feuer und Leidenschaft drin war (immer diese Klischees...)!

Die Rollenaufteilung war folgendermassen: Sie spielte Melodica, Glockenspiel, ein Spielzeugpiano und Percussions, er war an Gitarre und Klavier zugange. Den Gesang bestritten beide und zwar meistens gleichzeitig. Ihre Stimmen ergänzten sich wunderbar und aufgrund des Einsatzes all dieser herrlichen Instrumente kam ein angenehm warmer und intimer Folkpop-Sound heraus, der mir auf Anhieb gefiel.

Auch Alina Simone zeigte sich angetan, denn als sie endlich an der Reihe war (inzwischen zeigte meine Armbanduhr 23 Uhr 40! an),
sagte sie gleich zur Einstimmung auf französisch: " Je suis très contente, parce que June et Jim m'ont donnés leur disque (ich bin froh, June et Jim haben mir ihre CD gegeben)." Der Akzent der aus der Ukraine stammenden Sängerin war alles andere als schlecht, die Kleine (sie dürfte nicht grösser als 1, 57 cm sein) ist wahrlich sprachbegabt!

Sie begann ganz alleine mit ihrer Akustikgitarre auf englisch, der Sprache ihrer Wahlheimat (wenn man von Wahl sprechen kann) Amerika. Aus nächster Nähe konnte ich zusehen, wie sie mit ihren zierlichen Händen beherzt in die Saiten griff und ebenso beherzt und eindringlich sang.
Ihre Stimme war fest und klar. In niedrigeren Tonlagen hauchte sie die Texte (was ihr mit Sicherheit die Vergleiche mit Cat Power eingebracht hat), wenn sie aber energischer und höher ging, hatte das eher etwas von einer Punk-Röhre. Mir kam vor allem Scout Niblett als Vergleich in den Sinn. Eine Freude ihr zuzuhören, keine Frage! "I want to feel love", flehentlich und laut intonierte sie diese Strophen des ersten Song ihres Sets.

" I think I heard gunshots last night" ging es textlich weiter und das reduzierte Gitarrenspiel harmonierte perfekt zu dem bedrohlichen Text dieser traurigen Ballade.
Die Songzeile "Waiting for just the right chance to jump", liess meine Nackenhaare senkrecht nach oben gehen, ging es da etwa um Selbstmord? Aber dann einige Sätze später die Hoffnung: " I hope we'll get it right"... Das ging mir nahe und ihr wehklagender Gesang war gleichzeitig trist und doch wunderwunderschön.

Dann kamen einige Stücke (Titel werden nachgereicht) von der eingangs erwähnten Yana Stanislavovna Dyagileva und die Melancholie wurde immer mehr auf die Spitze getrieben. "Ahahaha", dieser langgezogene Trauergesang war so ergreifend, dass es fast weh tat. Mensch, Alina, was machst Du da mit mir? Ich hatte doch keine Tempo-Taschentücher dabei, menno!

Ich musste nach hinten gehen, um mich etwas abzukühlen und kaufte aus den Händen der reizenden June ihr hübsch- und selbstgemachtes Album ab.

Dann begab ich mich wieder an den linken Bühnenrand. " Gibt es eine spezielle russische Melancholie?",
fragte ich mich schmachtend. Ich kam zum Ergebnis, dass jedes Volk anders leidet, trauert und seinem Schmerz Ausdruckt verleiht. Und die Russen können das ganz besonders gut. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass Yana Stanislavovna Dyagileva mit lediglich 24 Jahren gestorben ist (Alina hatte dies auf französisch erklärt), kann man sich vorstellen, dass mich das Ganze nicht kalt liess.

Jammerschade, dass nach lediglich drei russischen Liedern schon Schluss war. Zusammen mit den beiden englischen Songs ergab das nur 5 Titel und 25 Minuten Spielzeit. Aber wie kam es zu dem abrupten Ende?
Nun, es gab technische Probleme mit den Steckverbindungen von Alina's Gitarre. Sie konnte ihr Gitarrenspiel nicht hören, versuchte verzeifelt, den Fehler zu beheben, kam dann aber zu dem frustrierenden Ergebniss, besser abzubrechen. June und Jim wollten behilflich sein und er stellte Alina sogar seine Klampfe zur Verfügung. Eine nette, aber letztlich zwecklose Geste, denn natürlich klang diese ganz anders und Alina wollte und konnte auf dem geliehenen Teil nicht weitermachen.

Das zierliche Persönchen verliess also die Bühne und ich dachte schon an den Heimweg.
Es war so spät geworden, dass ich mir schon Sorgen machen musste, die letzte Metro, die gegen viertel vor eins fährt, noch zu erwischen.

Aber dann kam nach einer längeren Pause Mademoselle Simone doch noch einmal zurück und spielte mit besser funktionierender Gitarre 10 zusätzliche Minuten. Allesamt russische Lieder (2 oder 3, es gab keine Pausen mehr), eines davon ein traditionelles Lied, das auf keiner CD zu finden ist. 35 Minuten Alina Simone, lange genug, um sich davon überzeugen zu können, dass da eine hochtalentierte Dame am Start war,
aber natürlich zu kurz für einen neuen Fan wie mich. Und der bin ich seitdem wirklich. Oliver Peel, der Fan von Alina Simone. Ich werde nicht alleine bleiben, spätestens nach den zahlreichen Deutschland-Konzerten werden einige Anhänger dazukommen. Und dann klappt auch wieder die Gitarre, das hat Alina mir und ihren Besuchern versprochen!

Konzerttermine von Alina Simone im Mai 2008 (Deutschland und Dänemark):

18. 05. 2008
Dreikoenigskeller w/Kat Frankie Frankfurt a.M.
19. 05. 2008
Snuggels Wiesbaden
20.05. 2008
Cafe Mule Leipzig
21.05. 2008 AE w/ Albertine Sarges Berlin
22.05. 2008
Schokoladen w/CASTANETS Berlin,
23.05. 2008 balconyTV Hamburg
23.05. 2008 Mobile Blues Club Hamburg
25.05. 2008 Global Copenhagen
26.05. 2008 TBA Aarhus
27.05. 2008 KulturHuset Holstebro
28.05. 2008 Cafe Brazil Luebeck
29.05. 2008 Polyester Klub Oldenburg
30.05. 2008 Movie w/Kat Frankie Bielefeld
31.05. 2008 Jazztage w/ Poems for Laila Idar Oberstein




 

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