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Freitag, 12. Juni 2009

Rum Tum Tiddles, Sorry Gilberto, u.a., Paris, 11.06.09

2 Kommentare

Konzert: Rum Tum Tiddles & Sorry Gilberto & Prem Sé & Noel

Ort: Belushi's Club
Datum: 11.06.2009
Konzertdauer: insgesamt mindestens 2 1/2 Stunden



In der Belushi's Bar war ich schon lange nicht mehr. Genauer gesagt seit dem 21 Mai 2008, als dort Erica Buettner, Sharon Krauss und Meg Baird spielten. Dabei ist das Programm in dem amerikanischen Laden wirklich nicht übel, selbst Banjogroßmeister Matt Bauer ist hier schon aufgetreten. Aber der Weg dorthin ist weit für mich und da der Schuppen nicht besonders viel Promo für seine Events macht, kriege ich oft gar nichts davon mit, was mir durch die Lappen geht.

Diesmal war das anders, Labelboss Erwan, der Waterhouse Records leitet, hatte mich während des Open Air Festivals in La Villette auf das feine Line-Up des heutigen Abends aufmerksam gemacht. Und nicht nur das, Erwan fragte sogar an, ob die auftretenden Künstler nicht am 14. Juni in meinem Wohnzimmer eine Session abhalten könnten, da die ursprünglich dafür vorgesehene Location, die Boutique Lalala Barcelona, inzwischen ihre Pforten geschlossen hatte. Schweren Herzens musste ich absagen, weil ich zufälligerweise schon den Briten Thos Henley für eine Homesession bei uns am Start hatte. Schade, schade!

Aber die Musiker wollte ich mir auf jeden Fall einmal live ansehen, zumal mit Noel und Sorrry Gilberto gleich zwei Acts aus der alten Heimat Berlin antraten.

In freudiger Erwartung machte ich mich auf den Weg zum Belushi's, das mit einer herrlichen Lage aufwarten kann. Es befindet sich gleich an den Ufern der Seine und wenn man auf die alte Brücke neben dem Eingang tritt, hat man das Gefühl in Hamburg zu sein (ich kenne Hamburg nicht besonders gut, ist jetzt auch nur so ein Spruch, um die Sache anschaulich darzustellen!). Das Wetter war herrlich und da es unten im Konzertclub noch nicht losging, bummelte ich noch eine Runde an der Uferpromenade entlang. Fasziniert schaute ich mir die alten Hausboote an (peniche auf französisch), die mich schon allein deshalb begeistern, weil Nick Drake auf solch einem Teil ein paar Jahre seines kurzen Lebens in Paris verbracht haben soll. Heutzutage werden die Peniches nach wie vor auch privat genutzt, in dieser Gegend aber dienen sie größtenteils als Restaurant oder Bar. Ich träumte ein wenig vor mich hin und stellte mir vor, wie ich so einen Kutter für mich nützen würde. Würde ich mir bei gutem Wetter die Sonne auf die Plautze brennen lassen, ganz lässig einen Cocktail in der Hand und gute Musik auf meinen Ohren? Oder würde ich Freunde einladen und jeden Abend rauschende Partys feiern, mit freakigem Indievölkchen und Musikern, die uns bei Mondschein etwas auf der Klampfe gratzen? Romantische Fantasien durchstreiften mein Hirn, aber dann kam mir plötzlich der Gedanke, daß es vermutlich scheiße ist auf so einem Hausboot. Ich dachte an allgegenwärtige Ratten, streunende Hunde, besoffene Touris, die das Boot kentern wollen und Stechmücken , die mein Gesicht zerfressen würden.

Schnell zurück ins Belushi's, diesen für Folkmusik eigentlich etwas zu modernen, zu cleanen Club! Viel war auch um 21 Uhr 30 noch nicht los, aber Erwan schickte nun trotzdem Noel als ersten Musiker in den Ring. Ganz alleine mit seiner E-Gitarre trug der schöne Mann ebenso schöne Songs von seinem Debüt-Album Wrong Places , aber auch etliche Neuheiten von dem in der Mache befindlichen Zweitling vor. Noel, der auch bei der tollen Berliner Indieband Jersey aktiv ist (Christoph berichtete euphorisch von einem ihrer Konzerte, hier!), wunderte sich auch zunächst über das dürftige Zuschauerinteresse, denn mehr als 20 Leutchen dürften wir am Anfang nicht gewesen sein. Dann aber konzentrierte er sich auf sein Set und im Laufe der Zeit tröpfelten auch immer mehr Besucher ein. Besonders interssant fand ich die Lyrics zu dem Titeltrack des ersten Albums Wrong Places: "I've been to the wrong places at the perfect time, I've followed the wrong traces until I made them mine." Noel schaffte es, mich relativ schnell zu fesseln, obwohl er selbst kurzfristig abgelenkt schien: "Hmm, einige von euch essen da gerade so lecker aussehende Büger mit Pommes Frites, das macht mich richtig hungrig!", grummelte er neidisch auf die üppig belegten Teller starrend. Der Berliner hatte den Nagel auf den Kopf getroffen! In der Tat stürzten sich ein paar Besucher mit Heißhunger auf den Amimampf, den sie sich vom oben gelegenen Retaurant mitgebracht hatten. Von nun an dachte ich auch permanent an einen Chesseburger mit Pommes, denn ich hatte vor dem Konzert nichts gegessen. Aber ich war schließlich für die Musik gekommen und da wollte ich mich voll auf die Sache konzentrieren und nicht nur mit einem Auge auf die Bühne schielen. Noel selbst bewahrte ebenfalls Fassung: "Ok, dann drinke ich halt eben mein Bier weiter, auch nicht schlecht!"...

Neben Wrong Places hatte er mit wunderbarer Stimme
(die ein wenig an Badly Drawn Boy erinnert) Marvin Greselda Reads vorgetragen, den Rest des Sets bildeten aber bis dato noch unveröffentlichte Lieder, die musikalisch den Genres Folk, Indie und Pop zuzuordnen waren. Auf dem Album, das ich mir anschließend zugelegt habe, klingt das Ganze aber ein wenig anders, da dort etliche Studiomusiker zum Einsatz kamen, die einen äußerst harmonischen und ausgewogenen Sound hinbekommen haben, den man ganz alleine nicht reproduzieren kann. Kein Wunder im Übrigen, daß das Album prima geworden ist, handelt es sich doch bei den Kollegen von Noel um erfahrene und talentierte Berliner Indiekünstler wie Max Punktezahl (Contriva, Jersey, Saroos), oder Masha Qrella (Solokünstlerin, Contriva).

Den letzten Songs des Sets trug Noel schließlich an der Ukulele zusammen mit Jakob von Sorry Gilberto vor und die beiden zauberten uns mit ihrem charmanten Stück , bei dem Jakob Gitarre spielte, ein Lächeln aufs Gesicht. Dufte!

Im Anschluß war mit Prem Sé aus Frankreich ein gemischtes Duo an der Reihe. Mary singt und Nico spielt Gitarre. Witzigerweise hatte ich die beiden schon vor ein paar Tagen als Zuschauer im Pop In beim Konzert von This Is The Kit gesehen. Ich muß gestehen, daß mir die hübsche Blondine Mary sofort aufgefallen ist, aber ich bin halt eben auch nur ein Mann. Ich war gespannt, wie sie singen würde...

Ich wurde nicht entäuscht, Mary trällerte wirklich herzallerliebst,
sah aus wie Anke Engelke in hübsch und der dreitagbärtige Nico zupfte dazu gefühlvoll an den Saiten seiner Klampfe. Stimmlich hatte Mary eine jazzig/soulig angehauchte Stimme zu bieten, die mich nicht gleichgültig ließ. Und ihr französischer Akzent war wie oft sehr süß und charmant. Etliche der heute performten Lieder kann man sich auf der MySpace Seite von Prem Sé anhören. Sie sind eigentlich alle schön, aber Pluck Roses scheint der Hit zu sein, denn das Stück wurde nicht nur fast 4000 mal angehört, sondern es gibt davon auch eine Akustikversion auf Video. Wenn Mary dort singt: "I wanna give you all my love", ist man geneigt "tu dir keinen Zwang an!" zu entgegnen.

Ich denke von den beiden wird man noch hören und lesen, Talent und Leidenschaft sind vorhanden....

Setlist Prem Sé, Belushi's Bar, Paris
01: Miss Windscreen Wiper
02: World
03: By My Side
04: Real Thing
05: Pluck Roses
06: Beer Drinker
07: Damned Dam
08: A Soul Mouvement

Als dritte Band des Abends gingen nun Sorry Gilberto an den Start. Ebenfalls ein gemischtes Duo, bestehend aus dem bärtigen Jakob (Gesang, Ukulele, Gitarre) und der grazilen Anne (Gesang, Bass, Keyboard, Flöte, Kinder Xylophon)). Ich hatte sie schon beim Soundcheck kurz gesehen und sie waren mir auf Anhieb sehr sympathisch. Jakob scheint der ruhende Pol dieses Zweierteams zu sein, er wirkte völlig ruhig, gelassen und unaufgedreht. Anne wiederum hatte die wohl niedlichste Stupsnase der Welt, ein entwaffnendes Lächeln und die schönste Basszupftechnik, die ich seit langem gesehen habe.

Die beiden starteten mit August Stains und auf Anhieb war ich angetan von dem wunderbaren Zusammenspiel der Stimmen. Er mit einem sonoren, dunklen Gesangesorgan ausgestattet, die sie mit einer lieblichen aber festen Mädchenstimme konterte. Wow! Charmfaktor 100! Zu dem nostalgisch angehauchten Horse Travelling Years setzte sich Anne hinter ihr Keyboard und überließ ihm zunächst das Wort. Er erzählte singenderweise und mit verklärtem Blick von Lederjacken, Kindheitstagen und alten Freuden ,die er seit 1000 Jahren nicht mehr gesehen hatte, seiner Armbanduhr, die er am See verloren hatte, etc. Die beste Stelle ist aber :"What I have is an old guitar, a voice and some melodies, so I have to be true instead of new my friend, when I'm bored I change the keys", weil sie ziemlich gut den Stil von Sorry Gilberto beschreibt. Er ist simpel ohne banal zu sein, es gibt schöne Stimmen und Melodien und alles wirkt herzlich, aufrichtig und ungekünstelt. Songs, die ans Herz gehen, ohne kitschig zu sein und Charaktere mit denen man sich sofort identifizieren kann. Hach, es war herrlich und ein charmantes Lied reihte sich an das nächste . Ich hätte noch stundenlang zuhören können! Besonders das Ende des recht kurzen Sets wartete dann noch mit köstlichen Schmankerln auf. Das melancholische Last Book ist ein richtiger kleiner Indiehit ("how can art be so cruel, you should change the water in your pool, it's not blue anymore and it smells") und der Titeltack des Albums Memory Oh, überwiegend von Anne gesungen, so ohrwurmig (dieser unwiderstehliche Refrain "I lost my memory,memory memory oh") und berührend, daß ich ihn schon jetzt nicht mehr aus den Gehörgängen kriege. Der Schlußpunkt wurde mit dem Oslo Song gesetzt, zu dem Anne in eine Blockflöte bließ und Erinnerungen an meine Schulzeit wachwerden ließ.

Toll, toll, toll und auch die Franzosen in der Belushi's Bar schienen sehr angetan.
Schade, daß Anne Jakob nicht ausreden ließ, als er ein paar Takte auf französisch sagen wollte. "Please don't speak french" rief sie ihm kichernd zu, als er gerade angesetzt hatte und der Gute war so perplex, daß er sich anschließend verhaspelte und die Stadt Paris Parish ausprach. Aber er war unglaublich schlagfertig. Parish? Hmm, like John Parish!...

Setlist Sorry Gilberto, Belushi's Club, Paris:

01: August Stains
02: Horse Travelling Years
03: This Roof
04: Sweet Song
05: Love But Zero
06: Man In The Snow
07: Last Book
08: Memory Oh
09: Oslo Song

In der Pause hatte ich die Gelegenheit zu einem kurzen Plausch mit Noel draußen vor der Türe. Seitdem das Rauchen in geschlossenen Räumen verboten ist, tummeln sich viele Leute auf Terrassen und vor Eingängen. Wir redeten uns ein wenig fest und als wir wieder nach unten gingen, hatten die Rum Tum Tiddles aus Nantes schon mit ihrem Konzert angefangen. Inzwischen war es relativ voll in dem Keller, aber nicht alle waren für die Musik gekommen. Ich sprach nämlich einen Typen an und fragte ihn auf französisch, wieviele Lieder schon gespielt worden seien und der Heini lallte mir benebelt auf englisch ins Ohr: "I hope this will be the last one!" So ein Idiot! Soll er doch zum Saufen nach oben gehen und unten den Platz für interessierte Zuhörer lassen! Die Rum Tum Tiddles hatten Aufmerksamkeit definitiv verdient! Schließlich handelt es sich um ein entzückendes Trio, mit der niedlichen Engländerin Madeleine Mosse an der Spitze. Musikalisch könnte man die drei unter Folk-Pop zusammenfassen und man liegt wohl auch nicht ganz falsch, wenn man Parallelen zu Soko zieht. Bloß daß Soko trotz unglaublicher 4 Millionen Profilaufrufen hingeschmissen hat und kein Album produzieren wird, während die Rum Tum Tiddles damit sicherlich noch in diesem Jahr um die Ecke kommen werden. Gutes Songmaterial scheinen sie jedenfalls reichlich zu haben, unter den 10 gespielten Stücken war kein Ausfall zu verzeichnen. Man muß sich einfach nur die Titel auf ihrer MySpace Seite anhören, um zu verstehen, was ich meine. Dezentes Banjospiel trifft dort auf die traumhafte Unschuldsstimme von Madeleine und wenn die Ukulele durch die Songs hüpft, macht auch mein Herz Luftsprünge. Man muß schon hartgesotten sein, um sich dieser zarten und infantilen Melancholie zu entziehen. Am Ende hatten mich die drei regelrecht weichgeklopft und mit It's Too Late wurde perfekt abgeschlossen. It's too late war leider das richtige Stichwort, denn ich musste nun bald aufbrechen, da ich die letzte U-Bahn kriegen wollte. Zwei Lieder von der letzten Band Flowers From The Band Who Shot Your Cousin bekam ich noch mit, dann machte ich die Fliege.

Ein wunderbarer Konzertabend war zu Ende gegangen!

Setlist Rum Tum Tiddles, Belushi's Bar, Paris:

01: Don't Waste It
02: Carpet
03: Oh, The Polar Bears
04: Lonely Hunter
05: When The Gorse Is In Flower
06: Back To Back
07: Are We Part
08: I'm Famous In Dallas
09: We Could Be Pirates
10: It's Too Late

Links:

mehr Fotos von den Rum Tum Tiddles hier
- von Prem Sé hier
- von Sorry Gilberto hier
- von Noel hier



Hier schwärmt Eike vom Klienicum von den Rum Tum Tiddles und dem Kleinod
We Could Be Pirates.
Und hier informiert Eike gewohnt fachkundig über Flowers From The Band Who Shot Your Cousin





Donnerstag, 22. Mai 2008

Meg Baird & Sharron Kraus, Paris, 21.05.08

3 Kommentare

Konzert: Meg Baird & Sharron Kraus

Ort: Belushi's Bar, Paris
Datum: 21.05.2008
Zuschauer: ca. 70
Konzertdauer: insgesamt dauerte die Veranstaltung mit drei Künstlerinnen fast 3 Stunden


In der U-Bahnstation Ecole Militaire ärgere ich mich über diese schnöseligen, jungen Anzug-und Krawattenträger, die mich förmlich umzingeln. Wie sie da rumstehen mit ihren Designerbrillen, dem bereits schütteren Haar und den schwarzen Aktenköfferchen, hach schrecklich! Sie kommen bestimmt gerade vom Arbeitsschluss in ihrer amerikanischen Topanwaltskanzlei, oder ihrer Investmentbank, die im Rahmen der Kreditkrise gerade 20 Milliarden Euro in den Sand gesetzt hat. Es ist 20 Uhr 20, die Typen in diesen Läden arbeiten sehr lange, wahrscheinlich kommen sie heute deutlich früher nach Hause als sonst. Irgendwie sehen sie alle gleich aus: streberhafte Fresse, verklemmte Haltung und die flache, sauteure Designerarmbanduhr am Handgelenk, man muss ja schliesslich zeigen wofür man schuftet.

Einer der Typen ist etwas lockerer drauf, er knutscht seine hübsche Freundin gleich vor mir ab.
Eine flotte Biene, die Kleine, nicht zu schickimiki, lässiger als ihr Freund, an dem sie aber bestimmt mag, dass er jeden Monat 10 000 Euro auf sein Konto gutgeschrieben bekommt. Seine Brille stammt von Christian Dior, man kann es an den Initialen CD auf dem Bügel ablesen. Sobald sein Liebchen die U-Bahn wechselt, zückt er sein Blackberry und checkt seine Mails. Junge Leistungsträger, sogenannte "High Potentials" werden nicht fürs Nichtstun bezahlt, da muss man immer erreichbar sein.

Zum Glück bin ich nicht in dieser Tretmühle gelandet, als damals noch junger Jurastudent war ich auf dem besten Weg dahin und sah auch genauso aus, wie die Kerle, über die ich lästere.
Aber auch für mich ist der Tag noch nicht gelaufen, ich muss auch noch arbeiten. Oder zumindest so etwas Ähnliches, denn Konzerte besuchen, Fotos schiessen und anschliessend Reviews verfassen, betreibe ich mit professionellem Eifer und Engagement. Viele Nächte habe ich mir deswegen schon um die Ohren geschlagen, meinem Bloggerpartner Christoph geht es genauso und trotzdem machen wir das hier extrem gerne.

Die Location Belushi's Bar ist als Konzertort neu für mich, hier war ich noch nie. Für den jungen Konzertveranstalter, den 26 jährigen Franzosen Mika, ist es ebenfalls eine Premiere. Der riesige Folk-Fan, hat noch nie zuvor einen Gig organisiert. Er hat seine Sache hervorragend gemacht, jedem Interessierten eine Mail mit Anreiseplan und anderen nützlichen Informationen zukommen lassen und vor allem für überschaubare 8 Euro folgende drei Künstlerinnen eingeladen:

- Erica Buettner
- Sharron Kraus
- Meg Baird

Als ich gegen 21 Uhr endlich die Belushi's Bar erreicht hatte (vorangegangen war ein Herumirren entlang der herrlichen Quai de Seine mit seinen hübschen Booten und an den Ufern gelegenen Cafés und Kinos), war die junge Erica Buettner mit ihren zwei männlichen Mitstreitern an Banjo und Cello schon voll zu Gange. Ich kannte die in Paris lebende Amerikanerin zuvor nicht, aber was sie bot, hatte Charme und machte neugierig. Auch andere Besucher fragten sich, ob es Tonträger zu kaufen gäbe. Die Blondine mit den wundervollen blauen Augen und der samtenen Stimme musste aber ihre neuen Fans vertrösten. Ein Album läge noch nicht vor, sei aber im Entstehungsprozess und werde wohl im Herbst 2008 erscheinen. Sie bat in einem sehr ordentlichen französisch darum, sich in die vorne ausliegende Mailingliste einzutragen, damit man zuküftig Informationen von ihr erhalte.

Nach circa 30 Minuten Spieldauer verabschiedete sie sich mitsamt ihren zwei männlichen Begleitern mit der hübschen Ballade "The Body Electric, die man auch ihrer MySpace Seite anhören kann.

Dann war ein kurzes Päuschen angesagt, dass ich auf einem der gemütlichen modernen Sofas verbrachte. Meine Augen wanderten über die Poster, auf denen man u.a. Jim "The Doors" Morisson, die Arctic Monkeys und den Giftzwerg von AC/Dc erkennen konnte. Damit versuchen die Barbetreiber wohl, die etwas modern- sterile Atmosphäre in dem Laden aufzulockern, von dem es Ableger überall auf der Welt gibt, auch in Berlin steht ein Belushi's Bar.

Aber solange das musikalische Angebot so vorzüglich wie heute abend ist, komme ich gerne hierhin und anscheinend mausert sich die Location zu einem Treffpunkt für Folk-Fans, denn vor kurzem gastierte hier auch Matt Bauer, der Mann am Banjo in der Band von Alela Diane.

Mit Banjo erschien auch die rothaarige Engländerin Sharron Kraus und trug mit unfassbar guter Stimme überwiegend Lieder ihres letzten Albums "The Fox's Wedding" vor. Sie klang wie eine Minnesängerin und brachte zu Beginn ein traditionelles Lied, das vor sage und schreibe vierhundert Jahren geschrieben worden war. Das Thema - die Liebe und all ihre Irrungen und Wirrungen - sei aber nach wie vor aktuell. Und das stimmt natürlich, die Liebe, ein zeitloses Thema und genauso zeitlos war der an Sandy "Fairport Convention" Denny erinnernde liebliche Gesang von Sharron.

Ich wunderte mich, dass ich von einem solchen Ausnahmetalent noch nie zuvor gelesen hatte und ärgerte mich darüber, wie unfair das Musikgeschäft ist. Eine talentlose Person wie Nelly Furtado verdient Millionen und Sharron Kraus spielt für 8 Euro vor 70 Leuten in einer Bar. Das kann doch eigentlich nicht sein!

Aber die Künstlerin selbst nahm das locker, freute sich riesig in Paris auftreten zu dürfen und lobte auch das schöne Wetter in der französischen Metropole. Sie komme sich vor wie im Urlaub, was dazu führte, dass sie mangels ausreichender Probe ein Lied, das sie lange nicht mehr gespielt hatte, vergeigte. "Ach, manchmal ist es schrecklich mit diesen ganzen Folk-Künstlern abzuhängen, wir gammeln tagsüber nur rum und arbeiten nicht genug. Folk singers just don't give a shit!"

Aber das stimmte natürlich nur zur Hälfte, denn es bedarf neben einem grossen Talent, auch Fleiss und Ausdauer, um Lieder dieser Güteklasse zu schreiben und interpretieren.

Eine ihrer Freundinnen, mit der sie tagsüber "abhängt", kam dann später hinzu. Ich spreche vom Stargast des heutigen Abends, der Amerikanerin Meg Baird, die auch schon in der Band Espers gesungen hat, bevor sie Solopfade beschritt. Die beiden haben Ende 2006 zusammen ein Album mit dem Titel "Leaves From Off The Tree" gemacht, von dem sie ein paar Songs vortrugen. Die Stimmen der Folkeusen ergänzten sich hierbei wunderbar, Meg mit der zarteren, teils flüsternden Stimme und Sharron mit dem festeren und klareren Kehlchen. Eine Wonne, ein Genuss!

Schade, dass es das zitierte Album nur auf Vinyl gab, sonst hätte ich sofort zugeschlagen. Um eine sperrige Platte mit nach Hause zu tragen, hatte ich einfach nicht ausreichend Platz in meiner Tasche.

Von "Leaves From Off The Tree" gab es am Ende des Sets von Meg Baird noch ein paar weitere Kostproben, denn da kam Freundin Sharron wieder mit hinzu. Vorher spielte aber Meg alleine an der Gitarre wunderschöne Folk-Balladen, die von ihrem hervorragenden Album "Dear Companion" stammten, das sie ohne ihre Band Espers 2007 veröffentlicht hatte.

Schon früh brachte sie den Titelsong, den es auch auf Single zu kaufen gab und verzauberte mit ihrer sensationellen Stimme und den berührenden Texten ("I drink nothing but my tears). Scheinbar mühelos wechselte sie die Oktaven und sprang zwischen hohen Klagegesängen und geflüsterten Passagen hin und her. Ihr Gitarrenspiel war sicher und bestimmt und trotz der Reduziertheit sehr effektiv. Wenige Griffe genügten, um eine melancholische Stimmung aufkommen zu lassen und mich zu verzaubern. Der "Waltze Of The Tennis Players" wurde ganz wundervoll getanzt und Meg Baird zwitscherte textlich nicht vom Tennis, sondern von "My love for you is a overnight sensation".

Noch schöner wurde es mit "All I Ever Wanted", dem traumhaftesten Song des Abends. "All I ever wanted was your loving" hauchte Meg Baird einfühlsam und mir stellten sich die Nackenhaare hoch. Als sie die Textzeile "Is that too much to ask" dahinflüsterte, war es ganz um mich geschehen. Ich hatte mich (platonisch) in die unscheinbare junge Frau verknallt. Schönheit kommt von innen, wohl war...

Leider plapperten ausgerechnet zwei deutsche Girlies während des Konzertes ungeniert und laut, so dass es mir irgendwann zu bunt wurde und ich sie mit einem energischen "Ruhe bitte!!" anherrschte. Mit einem Landsmann hatten sie nicht gerechnet und völlig erschrocken verstummten sie auf der Stelle. Gut so, ich war ein wenig stolz auf mich!

Auch ich will an dieser Stelle meinen Bericht beenden, weil ich ansonsten noch stundenlang von Meg und Sharron schwärmen würde.

Kauft unbedingt ihre CDs , das kann ich nur raten und geht auf ihre Konzerte und lasst Euch
von diesen Traumfrauen verzaubern !

Setlist Meg Baird, Belushi's Bar, Paris:

01: Riverhouse
02: Dear Companinon
03: The Waltze Of The Tennis Player
04: All I Ever Wanted
05: Soldier Traveling
06: We Share
07: Great Divide
08: Steam
09: Shame Rocks
10: The Cruelty Of Barbry Allen
11: Fortune My Foe

Konzerttermine von Meg Baird (bis auf den 3. und 5. Juni immer mit Sharron Kraus):

- 23.05.08: Amsterdam , Paradiso Bar
- 24.05.08: Amsterdam , Paradiso Bar
- 25.05.08: Tilburg, 013 Batcave
- 26.05.08: Gent, Morc HQ
- 27.05.08: Leiden, Sub 071
- 01.06.08: Mechelen, Café Zennegat
- 03.06.08: London, Amersham Arms (+ Dodos)
- 04.06.08: London, Cafe OTO
- 05.06.08: London, St. Pancras Church (Euston Road), mit Vetiver




 

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