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Samstag, 3. Mai 2014

King Khan & The Shrines, Stuttgart, 26.04.2014

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Konzert: King Khan & The Shrines
Vorband: Wolf Mountains
Ort: Goldmark's, Stuttgart
Datum: 26.04.2014
Dauer: King Khan 79 Minuten / Wolf Mountains 37 Minuten
Zuschauer: einige hundert (ausverkauft)



Im Untergrund unter dem Charlottenplatz, in einem Seitenflügel der gleichnamigen U-Bahnstation gelegen, platzt das Goldmark’s aus allen Nähten. Der kleine Nachbarclub des Universums ist an diesem verregneten Freitagabend der Place to be in Stuttgart. Arish Ahmad Khan bittet unter seinem Alter Ego King Khan und mit seiner vielköpfigen Kapelle zum Tanz. Wer da gleichzeitig zu den Intergalactic Lovers ins Schocken pilgert, begeht einen groben Fehler, denn Khan verkörpert den Spirit des Rock n‘ Rolls in einer unwiderstehlichen Vereinigung mit Garage und ganz viel Soul so leidenschaftlich wie sonst keiner dieser Tage. 
Wer dabei war und über das zurückliegende Konzert berichten möchte, läuft – so die einhellige Meinung – Gefahr in Superlativen zu sprechen. Gig-Blog-Autor Holger versucht erst gar nicht, das zu verbergen, und hat verdammt Recht. Der 37-jährige Indo-Kanadier Khan ist schließlich der legitime Nachfolger des Weihnachten 2006 verstorbenen James Brown, ein unvergleichlicher Performer und eine echte Sex Machine. 
Dass wenige Tage vor dem Konzert auch noch Wolf Mountains, die beste Stuttgarter Band nach Die Nerven, als Support bestätigt wird, ließ schon im Vorfeld große Erwartungen zu. Auf dem ersten Blick nicht unbedingt passend, stellen Reinhold Buhr, Thomas Zehle und Nerven-Drummer Kevin Kuhn sofort klar, dass ihr Garagen-Surf-Punk tief in den gleichen Wurzeln wie King Khan wildert und dabei ähnlich gut ist. Das Trio legt entschlossen los, Buhr (Gitarre und Gesang) und Kuhn (Schlagzeug und Gesang) erinnern in Hawaiihemden an die Beach Boys, deren Faible für atemberaubend schöne Harmonien geradezu keifend herausgestellt wird. Dazu kommen treibend stumpfe Rhythmen, ein wenig rudimentäres 60s-Gitarren-Gefrickel, bevor die Technik den atemlosen Spielfluss bremst.

 
Fast eine Viertelstunde wird das Set unterbrochen, die E-Gitarre bereitet Schwierigkeiten. Bis das Problem behoben werden kann, zeigt sich die Band von ihrer humorvollen Seite. Aller gerechtfertigter Frustration zum Trotz sorgt besonders Kuhn für kurzweilige Momente. Witze erzählend und mit einer spontanen musikalischen Einlage mit Bassist Zehle macht Kuhn in Unterhose zum erwähnten Hemd gute Miene zum bösen Spiel. Die äußeren Probleme sind umso ärgerlicher, hört man das glaubhafte Bekenntnis, die vorherige Probe sei „das beste Konzert“ der jungen Band gewesen. Als es schließlich weitergehen kann, wird das bestätigt. 

Wolf Mountains spielen noch besser als bei ihrem großartigen Release-Konzert und können mit „Kill Kill Kill“ oder „Hold Yer Girl“ beweisen, dass sie einer der spannendsten Acts dieser Tage sind. Zufrieden ist das Trio am Schluss – verständlicherweise – trotzdem nicht. Dass sie für ihren Auftritt mangels Vertag nicht bezahlt wird, hebt die Stimmung der Gruppe auch nicht gerade, löst in den folgenden Tagen aber eine Grundsatz-Debatte über die Gagen an Vorbands aus. 

 Von technischen Problemen gänzlich verschont, gerät die darauffolgende Show von King Khan & The Shrines zu einer echten Gala. Zum Intro seiner riesigen Begleitband betritt der König die Bühne. Mit beachtlichem Federkopfschmuck und lediglich einem golden bestickten Mantel, einer Zahn-Kette und Lendenschurz bekleidet, zeigt Khan sofort an, dass es heute Abend um vollsten Einsatz, Entertainment und große Party geht. 



Waren vorangegangene Platten noch deutlich im Garagen-Rock zuhause, ist „Idle No More“, das 2013 erschienene jüngste Werk der Gruppe des Wahl-Berliners ein dreckiges Soul-Album. Mit drei Bläsern, einem sehr gediegenen Schlagzeuger, einem zusätzlichen Percussionisten zu den üblichen Saiten-Instrumenten ist das musikalische Gewand so pompös wie der Auftritt selbst. 
Khan kokettiert mit Rockstar-Klischees, überspitzt den Gestus des unwiderstehlichen Soul-Entertainers, präsentiert dabei seinen stattlichen, tätowierten Schmerbauch. 
Der physische Gehalt des Konzerts steckt an, das zum Bersten gefüllte Goldmark’s gleicht einer engen, stickigen Disco. Irgendwann fliegt ein BH auf die Bühne. Eine junge Frau in der ersten Reihe entledigt sich ihrer kompletten Oberbekleidung, tanzt sich in Trance, während King Khan buchstäblich Alles gibt. Das Video zur aktuellen Single „Bite My Tongue“ spielt mit der Ästhetik alter Horror-Filme aus dem Hause Hammer, Khan gibt sich als Superman, während Bela B und Rummelsnuff in kuriosen Nebenrollen zu sehen sind. Das Video zeigt all das, was den leidenschaftlichen Künstler ausmacht. Live hebt er sein eigenes Popkunstwerk auf eine höhere Ebene.  



Für die glückseligen Zuschauer ist er heute Abend ein echter Superheld, der gerechte König, der am Ende mit Kleopatra-esker Perücke Gendergrenzen sprengt. Instrumente werden ins Publikum gereicht, zwischen Crowdsurfern werden Gitarren und das Keyboard(!) auf Händen getragen. 
Das Konzert ist eine große Lehrstunde in avantgardistischer Performance und versprüht mehr Soul als irgendetwas sonst, ist der konsequente Gegenentwurf zum elektronischen Wohlfühl-Motown-Epigonentum des letzten Daft-Punk-Albums.
King Khan spielt – so viel Superlativ muss auch in der ersten Jahreshälfte erlaubt sein – eines der besten Konzerte 2014 und auch für die Wolf Mountains endet der Abend versöhnlich. Anlässlich der letzten Aufführung von Schorsch Kameruns Fluxus-Stück „Denn sie wissen nicht, was wir tun“ am Stuttgarter Schauspiel, spielt man zu später Stunde noch ein formidables Konzert, nach dem keiner der Anwesenden seine Augen vor der Klasse der aufstrebenden Band verschließen kann. Der Goldene-Zitronen-Sänger filmt mit dem Smartphone mit. Aus gutem Grund. 


Samstag, 22. März 2014

Wolf Mountains, Stuttgart, 20.03.2014

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Konzert: Wolf Mountains
Vorband: JFR Moon
Ort: Dresden Bar, Stuttgart
Datum: 20.03.2014
Dauer: 51 Minuten
Zuschauer: vielleicht 50 (brechend voll)




Die Stuttgardia, neo-mythische Schutzpatronin der Stadt, blickt von der Wand des Ratskellers in die Dresden Bar herüber, während sich der kleine Club am Marktplatz füllt, bevor sie Zeuge eines außergewöhnlichen Konzerts wird. 
„Birthday Songs For Paul“ heißt das Debütalbum der Garagen-Surf-Rock-Combo Wolf Mountains, dessen Release auf CD und Kassette heute Abend gefeiert wird. Den Charme eines großen Szenetreffens versprühend, lauschen gut 50 Zuschauer in der brechend vollen Bar dem psychdelischen Folk des in Berlin lebenden Human-Abfall-Gitarristen JFR Moon im Vorprogramm, bevor das einladende Trio sein Set beginnt. Im Publikum sammeln sich derweil Vertreter der relevanten Stuttgarter Untergrundbands, einige Journalisten, DJs und allgemein bekannte Szenegesichter. Die Kunstfigur Levin Goes Lightly ist da, Luca Gillian, Sänger der lokalen Wave-Größe Die Selektion, und, zwei Tage vor ihrer ersten Israel-Tour, natürlich auch alle drei Mitglieder von Die Nerven, deren Schlagzeuger Kevin Kuhn auch bei Wolf Mountains trommelt und als zweiter Sänger fungiert. 


Das Konzert beginnt brachial. Songs, die wie die Garagen-Punk-Versionen von Surfnummern irgendwo zwischen kompromisslos dekonstruierten Beach-Boys-Harmonien und der dilettantischen Version von Dick-Dale-Gitarren klingen, überzeugen vollends. Der Club ist in dichten Zigarettenrauch gehüllt, es ist heiß, stickig, die Augen brennen, irgendwann wird gepogt. Es sind die idealen Rahmenbedingungen für einen unvergesslichen Abend. 
Während man durch die große Fensterfront auf Rathaus, Ratskeller und die Luxuskaufhäuser am Marktplatz sehen kann, brilliert das Trio in klassischer Rockband-Besetzung kontrastiv mit sperrigen Klängen. 2012 gegründet, entwickelte sich die Band mit starken Songs, so kurzweilig wie kurzen, lauten und großartigen Live-Shows zur spannendsten Stuttgarter Formation nach Die Nerven. Bisherigen Höhepunkt der Bandvita stellt fraglos die Veröffentlichung des ersten Albums und die gebührende Feier mit dem heutigen Konzert dar.
Vorsichtig tastet sich „Nobody Ever Called“ heran. Dann setzt Gitarrist und Sänger Reinhold Buhr zum markant-hohem Riff an, Kuhn und Thomas Zehle am Bass bauen einen spannungsvollen Rhythmus auf, schließlich steigert sich der Gesang in markerschütternde Schreie. Schon der erste Song deutet alles an.
Kaum ein Stück erreicht in seiner Studioversion die drei Minutengrenze. Live wird vieles ein wenig herausgezögert, nicht immer stimmt jeder Einsatz. Doch bekommen gerade kleinere Patzer dem Gesamterlebnis gut. Wenige Minuten sind gespielt, da wirft Kuhn seinen Mikrophonständer nach einem Missverständnis mit Buhr um. „So, ihr könnt gehen. Die Band hat sich soeben aufgelöst.“ Im kollektiven Gelächter mündend, erweist sich der Ausraster des Drummers als Stimmungsindikator. Es wird getanzt, tatsächlich ein wenig zu viel gesprochen, während Wolf Mountains ein Eineinhalb-bis-Drei-Minuten-Wunder nach dem nächsten feuern. 

Für „Sunshine Detective“ vom grandiosen Stuttgart-Sampler „Von Heimat kann man hier nicht sprechen. 13 musikalische Grüße aus der Wohnstadt Stuttgart“, wird spontan Die-Nerven-Bassist Julian Knoth, der fast Gründungsmitglied der Wolf Mountains ist, auf die Bühne gebeten. Tambourin spielend, unterstützt er das fantastische Stück zwischen düsterem Glam, Noise und klassischem Hardrock perkussiv. Vereinzelt wird mitgesungen, die Soundstruktur ist herrlich verkommen, der Song ein schmutziges Juwel. Für Release-Konzerte nicht ungewöhnlich, folgt für den nächsten Song ein weiterer Feature-Gast: Veronica Burnuthian, Sängerin der Münchner Gruppe Atatakakatta und Freundin Kevin Kuhns , singt eine von ihr geschriebene Noise-Nummer. Im regulären Set folgt eine weitere spontane Tambourin-Einlage, diesmal von Selektion-Frontmann Gillian, bevor „Hold Yr Girl“, bekannteste und eingängigste Nummer, dem Abend seinen fantastischen, vorläufigen Höhepunkt beschert.

„Summer’s Gone“, singt ein altersmilder Brian Wilson im besten Stück auf „That’s Why God Made The Radio”, dem durchwachsenen Comeback-Album aller noch lebender Beach-Boys-Originalmitglieder 2012. Im gleichnamigen, skizzenhaften Track der Wolf Mountains beschwört Kevin Kuhn mit Hall auf der Stimme das Gegenteil, besingt Adoleszenz und Erwachsenwerdung mit erstaunlicher Wendung. Es ist der perfekte Schluss des eigentlichen Sets. Wie auch auf dem Album fasst das kurze Stück auch live all das blendend zusammen, was Wolf Mountains und ihr Debüt ausmacht. Jugendliche Leichtsinnigkeit und Wut erscheinen bis auf die Grundmauern der Traditionen, zu denen sich die Musik bekennt, komprimiert und werden zu Indikatoren aufregender, unverbrauchter Musik. 


Dann nimmt Die-Nerven-Gitarrist und Produzent des Wolf-Mountains-Erstling Max Rieger für die Zugabe am Schlagzeug Platz, JFR Moon positioniert sich mit Schellenring neben dem Bassisten, während Kuhn an die Gitarre wechselt und Reinhold Buhr, seines Instruments entledigt, am Mikrophon steht. Die Zuschauer toben, als der Abend in seinem fulminanten Finale gipfelt.


"Verdammter Inzest", ruft einer und bringt den Trumpf wie auch das Problem der Stuttgarter Musikszene auf den Punkt: Es gibt sie tatsächlich, jene großartigen Bands, die im nationalen Vergleich ausgesprochen gut aufgestellt sind, doch ist das Personal sehr begrenzt. Nicht nur Kevin Kuhn, der – wie ein T-Shirt seiner Hauptband nahelegt – „viel zu tun“ hat, spielt gefühlt in jeder zweiten Band, nein überhaupt sei „die Szene sehr klein“, wie Julian Knoth im Interview mit laut.de erklärt: „Es gibt diesen einen Sampler "Von Heimat Kann Man Hier Nicht Sprechen", der vor ein paar Monaten rauskam. Das sind 13 Stuttgarter Bands und ich glaube, insgesamt spielen da nur 21 Musiker mit.“ So lange diese Bands und Musiker jedoch ortsansässig bleiben, ist es gar nicht so schlecht bestellt um Schwabens Metropole. Man kann nur hoffen, dass der Exodus gen Berlin, Leipzig, Dresden, Hamburg oder Wien weitgehend ausbleibt, damit die Stuttgardia noch lange auf spannende Bands blicken kann und nicht alles immer nur easy oder heisskalt ist.






 

Konzerttagebuch © 2010

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