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um
18:17
Konzert: Lush
Ort: Roundhouse, London
Datum: 07.05.2016
Dauer: Lush 85 min, Spectres 40 min
Zuschauer: gut 3.000 (nicht ganz ausverkauft)
Wie bekommt man eine 3.000er Konzerthalle nach einer Veranstaltung schnell leer? Man spielt Huey Lewis & the News. Wahnsinn, wie flott der Innenraum des Roundhouse nach Konzertende geräumt war. Eine Minute nachdem das Licht (und die Musik) anging, waren gerade mal noch ein-, zweihundert Menschen unten im Saal.
Mein zweites Lush-Konzert im Roundhouse hatte ich von oben angeguckt. Gegen eine Gebühr von zwei Pfund konnte man die Stehplatz-Karten in Tickets oben umtauschen, wir machten das. Natürlich ist das komplette Konzerterlebnis nur vorne vor der Bühne möglich. Im wundervollen Roundhouse lohnt sich aber auch der Perspektivwechsel. Wir saßen nicht weit vom Mischpult und hatten beste Sicht und besten Klang. Hätte Köln doch nur eine der vielen großen Londoner Spielstätten!
Der Abend begann diesmal nicht mit einem katebushischen Support, Spectres aus Bristol sind eine Shoegaze-Band, die bei Sonic Cathedral unter Vertrag steht. Mir gefiel der irre laute Gitarrenkrach erst sehr gut, es wurde auf Dauer aber langweilig.
Zweimal innerhalb von 24 Stunden das gleiche Konzert zu sehen, könnte auch langweilig sein. Daß Lush ihre Setlist nicht ändern würden, dachte ich mir, nachdem am ersten Abend die gleichen Konzerte wie im April beim Londoner Testkonzert gespielt wurden. Also wieder sehr viel von Split und den frühen EPs, das neue Out of control und die "britpop anthem" Ladykillers.
Natürlich war es nicht langweilig, wie könnte es? Ich habe keine Ahnung, wie gut die Band in den 90ern klang, da hatte ich es nicht so mit Konzerten. Laut seien sie gewesen. Anders als meine anderen damaligen Helden Galaxie 500, die ich auch unverändert anhimmele, waren Lush wohl eine gute Liveband. Scheinbar machen zwanzig Jahre Pause aber aus guten hervorragende Bands. Bei Slowdive und Ride, die in den vergangenen Jahren so grandios toll waren, kann ich mir nur schwer vorstellen, daß das damals auch schon so war. Diesen ganzen Spott der Reunion-Kritiker verstehe ich daher so gar nicht. Warum sollte ich ein Comeback aus Prinzip ablehnen, wenn es doch musikalisch brillant ist? "Die machen das ja nur des Geldes wegen!" Ja natürlich, das ist ja schließlich ihr Beruf (gewesen). Ich freue mich auf die Pale Saints oder Chapterhouse!
Die andere Perspektive ließ mich das Konzert etwas distanzierter erleben. Wenn man ganz vorne steht, sieht man zum Beispiel nicht, wie viele Leute hinter einem sind. Die Musik ist etwas weniger direkt, wirklich weiter weg, falls das Sinn macht. Gleich war, daß keines der Lieder ein Lückenfüller ist, ich hätte auf keines verzichten wollen. Allein auf der CD-Compliation Chorus sind 106 Lush-Stücke. Es gibt also einen riesigen Pool, aus dem die Band hätte schöpfen können. Nach dem Warm-up-Konzert, das perfekt war, hätte ich mir zwar schon das ein oder andere zusätzliche Lied gewünscht, aber auch nicht auf irgendwas verzichten wollen. Musikalisch ist das alles so wahnsinnig frisch und gut gealtert.
Daß seit der Veröffentlichung der letzten Stücke vor der neuen EP zwanzig Jahre vergangen sind, merkte man höchstens an Äußerlichkeiten, an Phils weißen Haaren (und ein "Shoegazer" Shirt trug er damals vermutlich auch noch nicht) und daran, daß auf der Gästeliste laut Miki vor allem Lehrer, Eltern der Klassenkameraden der Band-Kinder standen. "Anyone here under the age of 40?" (ja, erstaunlich viele!).
Was gibt es als Musikfreund Schöneres, als seine musikalischen Helden so fabelhaft zu erleben? Oder um es mit der Rausschmeißer-Musik zu sagen: "You don't need money, don't take fame. Don't need no credit card to ride this train.
It's strong and it's sudden and it's cruel sometimes
but it might just save your life.
That's the power of love la laaa laaa la laa laa"
Setlist Lush, Roundhouse, London:
01: De-luxe
02: Breeze
03: Kiss chase
04: Hypocrite
05: Lovelife
06: Thoughtforms
07: Light from a dead star
08: Undertow
09: Lit up
10: Etheriel
11: Scarlet
12: For love
13: Out of control
14: Ladykillers
15: Downer
16: Sweetness and light
17: Stray (Z)
18: Desire lines (Z)
19: Leaves me cold (Z)
20: Monochrome (Z)
Links:
- Lush, London, 06.05.16
- Lush, London, 11.04.16
um
12:04
Konzert: Lush
Ort: Roundhouse, London
Datum: 06.05.2016
Dauer: Lush knapp 85 min, Pixx 30 min
Zuschauer: 3.300 (ausverkauft)
Lush sind seit mehr als 25 Jahren fester Bestandteil meines Lebens. Klingt ekelhaft pathetisch, ist aber so. Hätte mir eine gute Musik-Fee vor ein paar Jahren angeboten, die Smiths, Joy Division oder Lush live sehen zu dürfen, hätte ich nicht nachdenken müssen.
Obwohl bis vergangenes Jahr nichts darauf hindeutete, ging es letztlich auch feelos. Vor vier Wochen spielten Lush ihr erstes Konzert seit zwanzig Jahren. Der kleine Warm-up Gig im Oslo in London war erstaunlicherweise nicht sofort ausverkauft, ich bekam ein Ticket und konnte die Band, die sich nach dem Tod ihres Schlagzeugers aufgelöst hatte, endlich sehen. Das Konzert war phänomenal gut - auch objektiv.

Danach gingen Lush, bei denen jetzt Justin Welch von Elastica am Schlagzeug sitzt, auf US-Tour. Die beiden Coachella-Wochenenden waren geplant, dazwischen Konzerte an der Westküste und in Vancouver. Wegen der für Europäer nicht nachvollziehbaren US-Arbeitsvisum-Politik, fiel Konzert um Konzert aus. Miki, Emma, Phil und Justin waren in L.A., durften aber nicht spielen. Wenn man die Geschichte der Auflösung kennt (nach Chris' Tod endete Lush, offiziell aufgelöst wurde die Band aber erst fast zwei Jahre später), kann man sich vorstellen, wie groß der Schritt war, die festen Jobs zumindest zu unterbrechen, um nach zwanzig Jahren wieder Lush zu sein. Sängerin Miki hat seitdem keine Musik mehr gemacht. Dann endlich Konzerte gegen alle Unsicherheit und Nervosität - und dann darf man nicht, weil die Arbeitsvisa noch nicht bearbeitet sind. Schrecklich!
Auf dem Weg zum Warm-up Konzert im Oslo schrieb Bassist Phil King bei Facebook "nervous". Er, der seit Jahren mit den sicherlich nicht ganz einfachen Reid-Brüdern Live-Bassist von The Jesus And The Mary Chain war und da sicher alles gesehen hat. Ich war das auch (ist etwas anmaßend), es hätte ja ganz schrecklich sein können. Beim eigentlichen Reunion-Konzert am Freitag im Roundhouse in Camden war ich nicht mehr nervös. Dafür war der Auftritt im April zu gut.

Das Roundhouse war früher ein Eisenbahn-Drehteller, den man aus alten Büchern oder Modellbausätzen kennt. Heute ist der runde Saal einer der schönsten Konzertsäle, die ich kenne. Ins Roundhouse passen rund 3.300 Zuschauer. Das Freitagskonzert war schon lange ausverkauft (es hätte ja ursprünglich das erste echte sein sollen). Oben auf der Galerie schienen einige der Sitzplätze nicht besetzt zu sein. Voll wurde es unten erst nach der Vorgruppe. Als Pixx aus Chipstead, südlich von London anfingen, waren keine 150 Zuschauer vor der Bühne.

Pixx ist das Projekt der 19-jährigen Hannah Rodgers, die offenbar nicht Nichte eines der Bandmitglieder von Lush ist, sondern bei 4AD unter Vertrag steht. Hannah trug einen Haarschmuck aus bunten Pyramiden und spielte gemeinsam mit einer Keyboarderin und einem Gitarristen Lieder, die im Prinzip gut waren, leider aber nicht viel mehr. Ein paar der Stücke hatten tolle Melodien, wurden aber durch eine hibbelig-hohe Stimme kaputtgekatebusht. Hannahs normale Singstimme, die viel tiefer war und der das Gestelzte der hohen Kunststimme fehlte, war deutlich schöner. Ganz lustig anzusehen war das Bemühen der Keyboarderin, ihr Mikro immer wieder nach unten zu korrigieren, damit es zu niedrig war und sie sich bücken mußte. Das Set von Pixx dauerte 30 Minuten. Die 4AD Supports waren früher spannender (die Pale Saints), es war aber recht unterhaltsam.

Um zwanzig nach neun kamen dann meine und aller anderen Helden auf die Bühne. Im Publikum waren zwar erstaunlich viele jüngere Menschen aber auch die waren nicht zufällig da. Es war in jeder Hinsicht ein Heimspiel. Obwohl auch irre viele Deutsche im Saal waren (nach Briten und Japanern vermutlich die größte Gruppe - wahnsinnig viele Japaner!), würden Lush in Deutschland vermutlich höchstens vor 250 Leuten spielen. Großartig, daß der Rolling Stone Weekender die Band gebucht hat, aber da wird wahrscheinlich sehr viel Platz vor der Bühne sein.
Lush spielten das gleiche Set wie beim Warm-up Konzert, also vor allem Lieder von Split (1994), von Spooky (1992) und den frühen EPs Scar und Mad Love, also alles aus der Zeit vor der nicht freiwilligen Brit Pop Phase der Band. Im Oslo war es deutlich lauter (laut ist gut), der Klang im Roundhouse war aber auch ganz hervorragend. Gerade eine Band wie Lush mit ihren vielen Soundschichten (bei Facebook las ich, für jedes Jahr Pause sei eine Gitarrenschicht dazugekommen) ist aus meiner Laiensicht vermutlich eine echte Herausforderung für die Soundleute. Die Stimmen der beiden Frauen klangen vermutlich genauso, wie die Band das möchte, nicht zu deutlich aber auch nicht versteckt hinter den noisigen Gitarren. Ein schöner Indikator für den Klang war der Anfang von Light from a dead star, und der war bombastisch.

Durch der hohen Anteil von Songs wie Etheriel, Thoughtforms, Lit up, Scarlet, Monochrome (alle irre toll!) war der Grundton des Konzerts ruhig. Ruhig, nicht leise. Die wilden, schnellen Stücke wie Hypocrite waren in der Live-Wahrnehmung eher in der Minderheit. Das war vielleicht nicht zu erwarten, kann aber bei niemandem, der die Band mag, für Enttäuschung gesorgt haben.
Miki, die von den drei alt-Lushs als einzige nicht bei Facebook geschrieben hatte, daß sie nervös sei (weil sie nicht bei Facebook ist), sprach als einzige mit dem Publikum und wirkte souverän, als habe sie in den vergangenen zwanzig Jahren nichts anderes gemacht. Mir fiel im Gegensatz zum Konzert im April auf, daß die vielen Blickkontakte zwischen ihr und Bassist Phil, die ich im Oslo noch bemerkt hatte, komplett überflüssig geworden waren. In den wenigen Wochen ist die Sicherheit offenbar zurückgekommen. Lush hatten zwar vor den beiden Roundhouse-Konzerten noch einmal geprobt, wie wir nach den Konzerten wussten nicht, um neue Stücke einzuproben, nötig schien das aber nicht zu sein. Der einzige größere Patzer des Abends war ein falscher Einsatz des Schlagzeugers. Vor Hypocrite startete Justin eine Sequenz, die zu Undertow gehört. Bei einem meiner nächsten Lush-Konzerte werde ich einmal mehr auf den Ex-Elastica-Mann achten, ich habe selten einen so guten Schlagzeuger gesehen.

Highlights? Schwer zu sagen! Desire lines war ganz phänomenal, dieser Übergang zum schnelleren Teil ist Weltkulturerbe! Der Anfang mit De-luxe, Breeze, Kiss chase. For love, Etheriel, Sweetness and light...
Von ihrem letzten Album, dem Stiefkind spielten Lush nur Ladykillers (Miki: "the brit pop anthem"). Auch das natürlich ein Knüller.
Der Abend war wundervoll! Lush sind wundervoll! Und ihre neue EP, von der sie wieder nur Out of control spielten, verstärkt die Hoffnung, daß es sogar ein neues Album geben könnte und uns die Band noch eine Weile erhalten bleibt, bevor die Mitglieder wieder ihren normalen Jobs nachgehen. Phil postete schon Montag wieder ein Foto aus dem Büro: "back to work!"
Setlist Lush, Roundhouse, London:
01: De-luxe
02: Breeze
03: Kiss chase
04: Hypocrite
05: Lovelife
06: Thoughtforms
07: Light from a dead star
08: Undertow
09: Lit up
10: Etheriel
11: Scarlet
12: For love
13: Out of control
14: Ladykillers
15: Downer
16: Sweetness and light
17: Stray (Z)
18: Desire lines (Z)
19: Leaves me cold (Z)
20: Monochrome (Z)
Links:
- Lush, London, 07.05.16
- Lush, London, 11.04.16
um
22:42
Konzert: My Bloody ValentineOrt: Roundhouse, LondonDatum: 22.06.2008Zuschauer: 3300 (ausverkauft)Konzertdauer: ca. 1 StundeAls Ende 2007 bekannt gegeben wurde, dass My Bloody Valentine wieder Konzerte geben würden, mochte man es kaum glauben, so lange hatte man von dieser Band nichts mehr gehört. Und dennoch scheint es noch viele Fans zu geben, denn es wurden zwar mehr und mehr Zusatztermine angekündigt, ausverkauft waren aber trotzdem alle: Allein im Roundhouse ist die Band zwischen dem 20. und dem 23. Juni täglich aufgetreten. Und wir waren am 22. dabei.Das Roundhouse ist, man ahnt es, ein rundes Gebäude aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die ehemalige Werkstatt für Dampfmaschinen ist heute eine sehr ästhetische und stimmungsvolle Konzerthalle, in der auch Morrissey und The Jesus and Mary Chain bereits aufgetreten sind.Am Einlass begrüßte uns ein Schild, das darauf hinwies, dass Ohrenstöpsel erhältlich seien. Freunde, die das Konzert des Vorabends besucht hatten, hatten uns dringend
geraten, das Stöpselangebot anzunehmen – dieser Hinweis sollte sich im Verlauf des Abends als nützlich erweisen…Zunächst jedoch unterhielt uns (im weitesten möglichen Sinne) aber ein alternder Rockabilly, der auf seiner Gitarre Oldies wie „Suspicious Minds“ zerschredderte und bei dessen Performance sich der Verdacht aufdrängte, dass er vielleicht gar nicht gebucht worden war, sondern einfach die Bühne gekapert hatte. Eine „richtige“ Vorband gab es nämlich ebenfalls, laut last.fm hieß sie „Le Volume Courbe“. Erwähnenswert ist hier allein die Tatsache, dass wir uns bereits Tage nach dem Konzert an nichts Relevantes zu dem Auftritt erinnern konnten…Vielleicht waren wir auch zu sehr damit beschäftigt, über die Gründe für dieses unerwartete Comeback zu spekulieren: Immerhin ist es 17 Jahre her, dass My Bloody
Valentine mit der Aufnahme ihres zweiten Albums „Loveless“ ihr Label fast in den Ruin getrieben und kurz danach ihre musikalische Karrieren beendet haben. Kevin Shields hat den einen oder anderen Remix und Soundtrack abgeliefert, sonst herrschte absolute Stille. Warum also jetzt eine Wiedervereinigung? Nun, vielleicht haben finanzielle Interessen eine Rolle gespielt, und das kann man der Band ja nicht vorwerfen, zumal die Rechnung mit dem Run auf die Karten ja offenbar aufgegangen ist.Aber nun endlich zum Auftritt, den wir ohrenstöpselgeschützt mit dem größtenteils über 30jährigen Publikum genossen (wiederum im weitesten Sinn): Die Highlights „Only Shallow“ und „Soon“ umrahmten ein Konzert, bei dem die Stimmen fast unhörbar hinter den extralauten Gitarren zurücktraten. Zu Scherzen mit dem
Publikum oder der Beantwortung unserer Mutmaßungen hinsichtlich der Beweggründe war niemand aufgelegt: Herr Shields beließ es bei einem „Hello“ und einem „Sorry“ (Letzteres bezog sich auf ein abgebrochenes Liedintro).Nach dem wirklich nun nicht gerade leisen Konzert“hauptteil“ kulminierte der letzte Song in eine meandernde, sich monoton dahin schleppende, fünfzehnminütige Krachorgie, die dem Publikum das
Letzte abverlangte. Mögliche Reaktionen waren hier: Saal verlassen, Ohrenstöpsel bis zum Anschlag ins Gehör rammen und Hände fest darüber pressen, während der ganze Körper mitwummert, oder Kevin Shields einen Gott sein lassen und die nächsten Tage mit Tinnitusinfusionen verbringen.Fazit: Ein erinnerungswürdiger Abend, an dem aus dem Werkkatalog nur „Sometimes“ fehlte, von dem man aber sicherlich keine Live-CD erwerben möchte.Setlist My Bloody Valentine, Roundhouse, London:*01: Only Shallow02: When You Sleep03: You Never Should04: (When You Wake) You’re Still In A Dream05: Lose My Breath06: I Only Said07: Come In Alone08: Thorn09: Nothing Much to Lose10: To Here Knows When11: Slow12: Blown A Wish13: Soon14: Feed Me With Your Kiss15: Sueisfine16: You Made Me Realize* Internetrecherche
von Ursula und Dirk von Platten vor Gericht