Sonntag, 7. Dezember 2008

Tiger Lou, Köln, 06.12.08

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Konzert:Tiger Lou
Ort: Werkstatt, Köln
Datum: 06.12.2008
Zuschauer: gut 400 (ausverkauft)
Dauer: ca. 75 min


Eine Premiere für mich, in der Wekstatt, dem jüngsten Konzertort für solche Bands, die wir hier mögen, in Köln, war ich bisher noch nicht. Und ich war sehr angenehm überrascht, denn die Halle in einem Gewerbegebiet in Flaschenwurfreichweite von Underground und Live Music Hall, gefiel mir sehr gut. Sie wirkt luftig, hat eine sehr schöne Bühne und das mit Abstand tollste Konzertlicht in Köln!

Weil die Nachfrage nach Tiger Lou erstaunlicherweise wahnsinnig hoch war, hatte man sogar im anderen Saal der Werkstatt ein Public Viewing für Tiger Lou eingerichtet. Mich hatte extrem überrascht, daß die Schweden so gut ankommen, ich hatte sie ja auch noch nicht gesehen. Das aktuelle Album der Band (A partial print) ist eine meiner Lieblingsplatten des Jahres - aber ein ausverkauftes Konzert...?

Vor Tiger Lou spielten Atlantic/Pacific, eine Band bestehend aus Garrett Klahn (Texas Is The Reason, Solea), Sergie Loobkoff (Solea, Samiam) und John Herguth (House & Parish), die mit drei Gitarren akustisch ein paar neue Lieder und einige Hits ihrer alten Bands spielten. Da ich die Musik ihrer "lauten" Bands bislang nicht kenne, waren auch die akustischen Versionen neu. Es waren ruhige Gitarrensongs, die teilweise von üblem Boxenknacken begleitet wurden.

Schlimmer waren aber unsere Plätze. Weil wir am Rand standen, hatte wir zumindest an einer Seite Ruhe. An der anderen wurde es immer enger, so daß man sich schließlich gar nicht mehr rühren konnte, selbst Klatschen ging irgendwann nicht mehr. Dazu hatten die Lüftungsrohre eher dekorativen Wert, es war unerträglich stickig.

Ich dachte schon, daß mir das das Konzert von Tiger Lou vollkommen verderben würde. Nach 45 Minuten Atlantic/Pacific und Umbaupause - und den ersten Minuten Tiger Lou - war das aber irgendwo auszublenden, denn ein gutes Stück der widrigen Umstände spülte die Brillanz der Band locker weg. Hätte das ganze in einer angenehmeren Umgebung stattgefunden, stünde der Abend herausragenden Konzerten von The National, Interpol oder den Editors in nichts nach.

Nach Trust falls bestätigte Sänger Karl Rasmus Kellerman, daß sie heute ihre aktuelle Platte von Anfang bis Ende spielten. Das muß nicht immer eine gute Idee sein, wenn eine CD Längen hat. A partial print hat aber keine. Also perfekt, daß sie das alles spielen wollten!

Tiger Lou bestehen im Studio ausschließlich aus Karl Rasmus. Live hatte er Unterstüzung dabei (es wäre ja auch ein wenig unpraktikabel, alle Instrumente auf der Bühne selbst zu spielen). Die Unterstützung bestand aus Schlagzeuger, zwei Gitarristen (einer spielte aber meist Keyboard - aus Gründen des Satzbaus nenne ich ihn Gitarristen) und einem Bassisten (auch mit Keyboard). Karl Rasmus stand nicht etwa in der Mitte, er hatte sich links aufgebaut.

Dadurch, daß das Album gespielt wurde, hatte man schöne Vergleichmöglichkeiten. Mir gefiel vor allem, daß eine ordentliche Portion Härte live dazukam. Die drei Gitarren hörten sich meist enorm kräftig an. Den hochmelodiösen Stücken gab das den letzten Kick. Vielen Lieder, nicht nur das abschließende A partial print, endeten in wildem Gitarrengeschrammel.

Nachdem das Album durchgespielt war erschienen Tiger Lou zu vier Zugaben von den beiden ersten Platten. Dabei waren The war between us, zu dem Karls Frau Andrea (Firefox AK) die zweite Stimme sang (mit einer anderen Frau hatte sie vorher schon einmal background gesungen) und The loyal besonders toll!

Ein wahnsinnig gutes Konzert! Die Band kommt im Frühling wieder nach Deutschland, eine Pflichtveranstaltung, komme was wolle!

Wahnsinng gute Konzerte verdienen ausführlichere Berichte. Das funktioniert bei mir aber gerade nicht (vielleicht kann man hier Montag nachlesen, warum). Aber mehr folgt sicherlich noch im Laufe der Woche! Die Botschaft ist aber wohl rübergekommen. Ansonsten:

Tiger Lou -> großartig -> live noch besser -> bald wieder auf Tour -> hingehen!

Setlist Tiger Lou, Werkstatt, Köln:

(01: The more you give)

02: The less you have to carry
03: So demure
04: Trust falls
05: An atlas of those our own
06: Odessa
07: Trails of spit
08: Coalitions
09: Crushed by a crowd
10: A partial print

11: The war between us (Z)
12: Nixon (Z)
13: The wake / Hooray hooray (Z)
14: The loyal (Z)


Freitag, 5. Dezember 2008

Matt Bauer, Frightened Rabbit, Departments Of Eagle, Paris, 04.12.2008

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Konzert: Matt Bauer, Frightened Rabbit, Departments Of Eagle

Ort: La Maroquinerie, Paris
Datum: 04.12.2008

Zuschauer: nicht ausverkauft
Konzertdauer: Matt Bauer: 30 Minuten, Frightened Rabbit 40 Minuten, Departments Of Eagle 50 Minuten




Matt Bauer scheint Paris zu mögen. Seitdem ich den deutschstämmigen Mann mit der Glatze und dem Vollbart als Banjospieler bei dem wunderbaren Konzert von Alela Diane in der Pariser Cigale kennengelernt habe, lässt er sich immer mal wieder in der Stadt der Liebe blicken. Ob es an den hervorragenden französischen Weinen liegt, die seine Weggefährtin Mariee Sioux kürzlich in einem MySpace-Bulletin überschwenglich lobte? Oder den über 300 (wahrscheinlich vielmehr, man weiß die genaue Zahl nicht!) Rohmilchkäsen, die nur in sehr begrenztem Umfang in die USA importiert werden? Oder den schönen und stilvollen französischen Frauen? Alles nicht auszuschließen, wahrscheinlicher ist aber, daß es mit der Booking- Agentur Zamora Productions zusammenhängt, die nicht nur Matt Bauer, sondern auch Mariee Sioux und Hanne Hukkelberg betreut. In Zusammenabeit mit dem vorzüglichen Label Fargo hat es Zamora Productions verstanden, hervorragende amerikanische Folkkünstler zu promoten und Spielstätten für sie zu organisieren. Star bei Fargo ist ohne jeden Zweifel Alela Diane, aus deren Schatten Matt Bauer nun langsam treten will. Kurz nach seiner Show mit der immens erfolgreichen Kalifornierin trat er auch solo zum ersten Mal in Erscheinung und spielte am 20. Aril 2008 in der kleinen Belushi's Bar.

Nach Gigs in Kanada und den USA kam er im November nach Frankreich zurück, trat zusammen mit Mariee Sioux im nordfranzösischen Lille auf, begleitete erneut Alela Diane während ihres Gigs im Pariser Olympia beim Festival des Inrocks und gab noch am gleichen Abend zu vorgerückter Stunde ein Konzert im Pop In zusammen mit den wunderbaren Franzosen Rum Tum Tiddles.

Letzten Sonntag ging es für ihn im Lucernaire weiter und am 3. Dezember zeigte er sein Können im atmosphärischen Café Charbon, das gleich neben dem Nouveau Casino liegt. Heute schließlich der letzte Paris- Termin für den sympathischen Mann mit den stahlblauen Augen, leider aber nur im Vorprogramm und entsprechend kurz. 30 Minuten wurden ihm in der Maroquinerie eingeräumt und davon verpasste ich auch noch die Hälfte, weil mir mein Bus 96, der den steilen Berg die rue menilmontant hochtuckert, vor der Nase weggefahren war. Sehnsüchtig schaute ich dem davonbrausenden Bus hinterher und wußte, daß ich zu spät kommen würde. Mist!!

Aber auch so konnte ich mir ein gutes Bild von der schönen, leicht rauchigen Stimme und dem spärlichen, aber gekonnten Gitarrespiel von Matt Bauer machen. Sein Banjo, mit dem er die ersten Lieder bestritten hatte, war leider schon bei Seite geräumt und lehnte einsam an den Backsteinmauern der Maroquinerie. Eines der verpassten Stücke war Sea Lion Woman, ein Titel, den auch Feist und Alela Diane im Programm haben, der aber weder von der einen noch der anderen stammt, da es sich ganz einfach um ein traditionelles Lied, ein sogenanntes Traditional, handelt. Ein bluesiger Song, dieses Sea Lion Woman, den man auf dem Minialbum Wasps and White Roses finden kann, das in Amerika bereits 2006, in Europa aber erst 2008 in die Läden kam. Neben Sea Lion Woman spielte Matt auch noch ein weiteres Lied von Wasps and White Roses und zwar Carve It Out. Der ganze Rest war Material von dem Neuling The Island Moved In The Storm, auf dessen Cover Mister Bauer eine ertrunkene Frau aus dem Wasser trägt (ob sie noch lebt oder nicht, ist nicht überliefert).

Hat Matt also die Kraft, Leben zu retten? Hmm, wahrscheinlich nur in begrenztem Maße, er ist ja schließlich nicht Jesus, obwohl er mit seinem Rauschebart fast so aussieht. Allerdings kann er Trost spenden, mit seinen ruhigen und warmen Liedern, die trotz der melancholischen Atmosphäre nicht düster sind. Ich habe die Viertelstunde mit dem sanftmütigen Künstler jedenfalls sehr genossen und kann nur jedem seine zwei Alben und einen Konzertbesuch empfehlen, wenn er 2009 wieder nach Europa kommt. Nächstes Jahr dürfte er deutlich bekannter werden und aus dem Schatten von Alela Diane und Mariee Sioux zumindest ein wenig heraustreten, da bin ich ganz sicher, denn allein das abschließende Don't Let Me Out war so berührend, daß man schon ein Herz aus Stein haben muß, um sich nicht von solch profunder Schönheit erweichen zu lassen. Am besten man legt sich The Island Moved In The Strom unter den Weihnachtsbaum, die Songs empfehlen sich ganz besonders für die besinnlichen Tage und klingen allemal besser als O(h) Tannenbaum oder Oh Du Fröhliche!

Im Anschluß ging es mit den Schotten Frightened Rabbit stürmischer zu. Die bärtigen und zum Teil etwas kräftigeren Burschen, hätten eigentlich schon vor ein paar Wochen an gleicher Stelle auflaufen sollen, aber da fielen sie - als Headliner gebucht - aus mir nicht bekannten Gründen aus. Vor kurzem gab es dann eine neue Gelegenheit die Band unter die Lupe zu nehmen, als sie in Paris im Vorprogramm von Death Cab For Cutie auftraten, da war ich allerdings mit einer Oliver Peel Session bei mir zu Hause über beide Ohren beschäftigt!

Heute aber gab es kein Entrinnen für die verängstigten Hasen (Frightened Rabbit, übersetzt man das so?), die Tür war zu und die Karnickel wären schnell wieder eingefangen worden. Statt Hasen erblickte ich aber zu meiner Belustigung Nessie, das legendäre Ungeheuer aus dem Loch Ness, welches das T-Shirt des schlaksigen Keyboarders zierte. "Witzig, da war ich auch schon", dachte ich mir und war kurzfristig mit meinen Gedanken bei einer unserer beiden wunderbaren Schottland-Reisen. Die Weite und urwüchsige Schönheit dieses grünen Landes hatten es mir und meiner Frau außerordentlich angetan und auch an die offenen und gastfreundlichen Menschen hatten wir sehr gute Erinnerungen. Am tollsten war ein schottischer Herbergsvater, der sein kleines Häuschen als Bed & Breakfast vermietete und uns schon frohgelaunt mit einer Whiskey-Fahne begrüßte. Seine gute Stube war voller Nippes und kleinen Dekofigürchen - grauenvoll kitschig- aber er war so liebenswürdig und authentisch, das wir spontan entschieden, zu bleiben. Wir sollten es nicht bereuen. Er zauberte uns am nächsten morgen, das beste und ausgiebigste Frühstück, das wir je genießen durften. Zunächst legte er mit Porridge los, dann haute er unzählige Eier, Speck, Tomaten und Champignons in eine Pfanne und zum Schluß wollte er uns noch mit Pancakes beglücken (wir lehnten dankend ab, denn es wäre unhöflich gewesen, alles der Toilette zurückzugeben). In allen Details schilderte er uns dann, wo wir überall hin müssten, welche Sehenswürdigkeit es noch so gäbe und wo genau das beste schottische Wasser für den vorzüglichen Whiskey flösse. Das Ganze war unglaublich preiswert, - wir dürften nicht mehr als umgerechnet 20 Euro für Übernachtung und Frühstück bezahlt haben- und stand in krassem Gegensatz zu dem kühlen Empfang und den gepfefferten Preisen, die wir zuvor in London erlebt hatten.

Menschliche Wärme, ja das war es, was er uns bot, dieser hochsymphatische schottische Gastvater, dem seine Frau wahrscheinlich weggelaufen oder früh verstorben war. Konsequenterweise sangen Frightened Rabbit dann in ihrem Song The Twist dann auch von " I need human heat", als wäre dies ein Grundbedürfnis von Schotten. Aber wer braucht sie nicht, die menschliche Wärme in diesen anonymen (Highlight des Tages oft: eine neue Freundschaft bei MySpace, mit Leuten, die man nie in seinem Leben wirklich kennenlernen wird) und krisengeschüttelten Zeiten? Auch in ihrem abschließenden Hit Keep Yourself Warm ging es erneut um diese Wärme. "You won't find love in a hole , it takes more than fucking someone to keep yourself warm", sang Bandleader Scott Hutchison voller Inbrust und klang dabei am Anfang als er sein Falsett einsetzte, ein wenig wie Jónsi, der Sänger von Sigur Ros. Ansonsten aber waren vielmehr Ähnlichkeiten mit Okkervil River festzustellen, desweiteren auch mit Aracde Fire, My Latest Novel und den Decemberists. Im Grunde genommen klingen Frightened Rabbit nach amerikanischem Collegerock mit schottischem Akzent. Keine schlechte Mischung wie ich finde und die Kumpels der von mir ebenfalls geschätzten The Twilight Sad dürfen gerne wiederkommen und ihre melancholischen Geschichten, die irgendwo in der Weite der einsamen schottischen Landschaften entstanden sind, zum Besten geben.

Seit dabei, wenn die Jungs nach Deutschland kommen und wie heute euphorisiernde Songs wie The Modern Leper, I Feel Better oder Old Old Fashioned schmettern!

Auch Department Of Eagles, die Band aus Brooklyn, die heute den musikalischen Abend beschloß, kann ich empfehlen, obwohl ein paar meiner Freunde und Bekannten hinterher äußerten, sich gräßlich gelangweilt zu haben. Vielleicht muß man sich, wie ich, zuvor mit der Band Grizzly Bear beschäftigt haben, um die Musik der Department Of Eagles zu mögen. Zu Grizzly Bear besteht nämlich eine sehr enge Verbindung, denn Daniel Rossen, der Department Of Eagles zusammen mit Fred Nicolaus während seiner Studienzeit an der New York University gegründet hatte, schrieb Songs, sang und spielte Gitarre für Grizzly Bear während ihrer Tour für das famose Album Yellow House. Fred ging in der Zwischnezeit einem 9 to 5 Job nach, aber irgendwie fand man dank moderner Kommunikationstechniken die Zeit, Stücke für das zweite Album (das 2003 er Debüt hieß The Cold Nose) In Ear Park fertigzustellen. Gut so, denn die Lieder sind voller schöner Melodien und Chorgesänge und zu dem beatlesken No One Does it Like You sang auch Sigrid, ein Mädchen, das zum Blogotheque- Umfeld gehört, laut mit. Die Blogothèque? Was is'n das? Das sind die Typen, die aufstrebende Bands immer auf der Straße oder in Hinterhöfen abfilmen und logischerweise auch schon mit Department Of Eagle gearbeitet haben. Das Ergebnis dieser Session kann man hier sehen.

Die Blogothèque ist immer an sehr spannenden Bands dran, DOE bilden da keine Ausnahme! Wunderschön das gefühlvolle Zusammenspiel von elektrischer und akustischer Gitarre, die glänzenden Harmonien, die warme, zeitweise an Scott Matthew erinnernde Stimme von Daniel Rossen. Keine Frage, ich habe dieses Konzert genossen, obwohl Daniel immer wieder sich selbst kritisierte, sich oft als sehr unprofessionell bezeichnete und sich wunderte, daß das Publikum am Ende noch eine Zugabe wollte: "That's nice of you, after all what happened before!", murmelte er schmunzelnd. Dies schien mir auch kein "fishing for compliments" zu sein, ich glaube wirklich, daß er mit seiner Leistung -völlig zu Unrecht - nicht ganz zufrieden war.

Ich persönlich bleibe auf jeden Fall bei Department Of Eagles am Ball. Das Gleiche gilt für Matt Bauer und Frightened Rabbit. Ein gelungener Konzertabend!

Setlist Matt Bauer. La Maroquinerie, Paris:

01: Rose & Vine
02: Florida Rain
03: Sealion Woman
04: Blacksnake In The Carport
05: Carve It Out
06: As She Came Out Of The Water
07: Don't Let Me Out

Links:

- Das Klienicum war bei Matt Bauer auch schon wieder früh dran. Hier der Beweis!




Donnerstag, 4. Dezember 2008

Wolf Parade, Köln, 03.12.08

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Konzert: Wolf Parade
Ort: Luxor, Köln
Datum: 03.12.2008
Zuschauer: ca. 200
Dauer: Wolf Parade 90 min, Alter Me 40 min, Dag För Dag 30 min


Star des Abends war ein Weckmann, ein Hefegebäck*, das im Rheinland im November, Dezember sehr beliebt ist. Nicht so bei Wolf Parade Keyboarder und Sänger Spencer Krug. Der hatte nämlich offenbar Hunger und seinem Tourmanager angezeigt, daß er etwas essen wolle. Der brachte ihm dann den Weckmann. Spencer fragte uns ungläubig "you eat this?" und legte den Hefemann ab. Aber nicht lange, denn bevor Wolf Parade mit Grounds for divorce weitermachten, spielte Spencer mit dem Weckmann Keyboard und ließ die Hefebeinchen über die Tasten tanzen!

Ziemlich sicher hätte schon das gereicht, das Konzert der Kanadier zu einem der besten des Jahres zu machen. Aber das brauchte es nicht, denn auch musikalisch waren Wolf Parade herausragend.

Bis dahin war es aber ein mühevoller Weg, denn es gab zwei Vorgruppen, was mitten in der Woche wirklich nicht sein muß. Aber es ist in Köln ja üblich, daß Konzerte an Freitagen und Samstagen deutlich früher beendet sind als während der Woche. Es begannen Dag För Dag aus Stockholm, ein ziemlich exzentrisch aussehendes Trio. Kurz vor Beginn hatte noch jemand eine der Glitzerketten, die als Deko an den Mikroständern hing, abmontiert und hinter die Bühne gebracht. Dieses Ding trug dann Sängerin Sarah als Gürtel. Sie und ihr Partner Jakob hatten sich zusätzlich Glitzerstirnbänder gebastelt. Komplettiert wurde die Band von einem Schlagzeuger ohne Glitter.

Dag För Dag machen recht psychedelischen Indierock. Manches erinnerte aber auch ein wenig an Ipso Facto. Schlecht war das halbstündige Set der Schweden nicht, richtig umgehauen hat es mich aber auch nicht. Es waren gute Lieder dabei (aber auch an indianische Gesänge erinnernde Stellen, die so gar nicht mein Fall waren), richtig ist aber keines hängengeblieben, eher solche Sachen wie ihre nackten Füsse. Ich sollte mir noch einmal Lieder von ihnen anhören, denke ich.

Das unterscheidet Dag För Dag von den nachfolgenden Alter Me aus Dänemark, die bei mir glatt durchgefallen sind. Vierzig lange Minuten, die in meinen Augen absolut nicht notwendig waren (aber ich habe ja auch kein Label, das Künstler unterstützen muss). Die Dänen waren schrecklich belanglos und verstärkten meine Müdigkeit fatal!

Beim Umbau anschließend sah man, daß es stimmt, daß Wolf Parade ihre Europa Termine nur zu viert wahrnehmen. "Hadji couldn't make it," teilte uns Spencer mit. Die Gründe dafür seien aber zu kompliziert zu erklären. "Wenn ihr etwas hört, was nicht da ist, liegt das daran."

Die vier anwesenden Wolf Parade Mitglieder waren neben Keyboarder Spencer Gitarrist Dan Boeckner, Schlagzeuger Arlen Thompson und Gitarrist Dante DeCaro (der wie der junge Pete Sampras mit kanadischem Vollbart aussieht). Dan und Spencer, die beiden Gründer der Band, sangen abwechselnd, dabei ist Dans Stimme schon wirklich sehr gut und einprägsam, Spencers dagegen unglaublich charismatisch und dadurch ganz besonders. Dazu spielte der Mann trotz seines Hungers die Keyboards für mindestens anderthalb Musiker, wechselte dauernd eine oder zwei Hände zwischen den beiden übereinander aufgebauten Tastaturen. Obwohl er meist in irrem Tempo spielte, war die Präzision dabei verblüffend. Meine Lieblingsszene des Abends (bei der kein Hefegebäck beteiligt war), passierte bei irgendeinem Lied gegen Ende. Da klatschte Spencer ab und zu über seinem Kopf, um dann wieder schnell auf dem Keyboard weiterzuspielen. Der erste Griff nach dem Klatschen ging meist daneben, gleich die nächste Achtel- oder Sechzehntelnoten waren aber wieder genau die, die es sein sollten.

Alle Bandmitglieder halten es so, wie das in ihrer kanadischen Heimat üblich ist, sie spielen in vielen anderen Gruppen und Projekten. Dan und seine Freundin sind die Handsome Furs, Spencer hat Sunset Rubdown, Arlen spielte schon bei Arcade Fire mit.

Die gespielten Lieder im Luxor sind schnell beschrieben. Sie waren einfach alle großartig! Ohne Ausnahme. Wolf Parade haben bisher zwei Alben (Apologies to the Queen Mary - dem Schiff - 2005 und At Mount Zoomer 2008) und ein paar EPs veröffentlicht. Mir haben
You are a runner and I am my father's son, Kissing the beehive, das irre lange Lied am Ende, Grounds for divorce, This heart's on fire und The grey estates besonders gefallen. Die Stücke stammten ausnahmslos von beiden Alben, wobei Wolf Parade vom aktuellen bis auf Bang your drum alle Titel spielten.

The grey estates war eine der drei Zugaben. Die letzte war dann ein Knockin' on Heaven's Door Cover, das durch Wolf Parade an Fiesigkeit verlor. Die Guns N' Roses Version spielten Dan, Spencer und Co., weil es ihr letzter gemeinsamer Abend mit Dag För Dag war. Die schwedische Band sei nämlich nett, aber auch vollkommen irre und habe einen kranken Humor. Ihre Musik sei so lala, hatte Spencer vorher irgendwann gesagt, und es war nicht rauszuhören, ob es vielleicht nicht doch ironiefrei gemeint war. Zur letzten Zugabe durften die Dag För Dags dann jedenfalls mit auf die Bühne und schmetterten alle gemeinsam "Knock, knock, knockin' on Heaven's Door". Auch der zweite Keyboarder, der Weckmann, durfte wieder mitmachen, verlor dabei aber ein Bein! Haifischbecken Musik!

Anderthalb ganz ausgezeichnete Stunden mit wahnsinnigen Liedern und einer Band, die mehr Zuschauer und Aufmerksamkeit verdient! Und Wachheit. Das war nämlich mein Problem. Ich konnte Wolf Parade leider nicht so genießen, wie ich es mir gewünscht hätte, weil Alter Me meiner Müdigkeit den Rest gegeben hatte. Daher habe ich es mir ein gutes Stück selbst versaut. Also nicht meine besten 90 Minuten, aber immerhin noch ganz hervorragende - nicht das Konzert des Jahres, aber wahrscheinlich Top 5.


Setlist Wolf Parade, Luxor, Köln:

01: You are a runner and I am my father's son
02: Soldier's grin
03: Call it a ritual
04: It's a curse
05: Dear sons and daughters of hungry ghosts
06: Language City
07: An animal in your care
08: Shine a light
09: Grounds for divorce
10: Fine young cannibals
11: California dreamer
12: This heart's on fire
13: Kissing the beehive

14: The grey estates (Z)
15: I'll believe in anything (Z)
16: Knockin' on Heaven's Door (Guns N' Roses Cover**) (Z)

Links:

- Fotos folgen (hier schon mal ein Vorgeschmack)

* 100 gr. Mehl wie einen Vulkan formen, etwas Hefe reinbröseln, lauwarme Milch drauf, und das mit einem Teil des Mehls verkneten. 20 Minuten warmstellen, abdecken und gehen lassen. Ein Ei, zerlassene Butter, etwas Zitronenaroma oder -abrieb, das restliche Mehl, Salz und Zucker und den lauwarmen ersten Teig verkneten und wieder gehen lassen. Einen Mann formen, eine schöne Tonpfeife in den Arm geben, zwei Rosinen als Augen reindrücken, mit Eigelb anpinseln und bei 200 Grad etwa 12 bis 15 Minuten backen.

** Ich weiß, daß auch die Guns N' Roses Version ein Cover ist. Aber die haben sie gecovert.


Mittwoch, 3. Dezember 2008

Herman Dune, 02.12.08

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Konzert: Herman Dune
Ort: Olympia, Paris
Datum: 02.12.2008
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: gut 90 Minuten



An einem naßkalten und grauen Dezembertag kommt ein Konzert mit Herman Dune und seinem sonnigen Sound wie gerufen. Irgendetwas muß man ja schließlich unternehmen gegen den Winterblues und die chronisch schlechten Nachrichten von der Konjunkturfront. Entweder wir blasen jetzt alle Trübsal, bis sich im März oder April 2009 die Sonne mal wieder blicken lässt und die Wirtschaftsaussichten gebessert haben, oder wir pfeifen einfach auf die äußeren Umstände und lassen uns jetzt schon nicht die Laune verderben. Ich entschied mich für die zweite Variante und pilgerte mit ordentlich Vorfreude im Bauch Richtung Olympia, das im schnieken Viertel zwischen Madeleine und Opera liegt. Eine konservative Gegend, in der man Gefahr läuft, von forschen Junganwälten oder Unternehmensberatern mit Blackberry in der Westentasche über den Haufen gerannt zu werden, wenn sie von der Kanzlei zur Metro hetzen. Damals als ich noch in Deutschland Jura studiert habe, wäre das sicher mein Pariser Traumviertel gewesen, heute finde ich es hier eher spießig, versnobt und uninspirierend.

Da trifft es sich gut, wenn hier ein clochardhaft aussehender Typ wie Herman Dune spielt, der die Bobos von Paris anzieht wie ein Topf Honig die Bären. Bobos, was is'n das? Habe ich auf dieser Musikseite schon oft erklärt, aber für diejenigen, die uns nicht regelmäßig lesen: Bobo= Bohème-bourgeois (oder Bourgeois-bohème), übersetzt die bürgerlichen Künstler. Ein Menschenschlag, der in Paris weit verbreitet ist. Junge kreative Menschen, die oft bei Verlagen, Plattenlabels, oder in der Werbung tätig sind und bei ihren Klamotten Teile aus dem Secondhandladen mit Designerfummel mischen. Von Kopf bis Fuß mit Markenklamotten eingedeckt zu sein ist "bähh!", das überlässt man den Russen, oder den verpönten Neureichen im 8. Pariser Arrondissement, aber ein wenig Luxus soll es ja schon sein. Man nennt sie auch "La gauche caviar" = die Kaviarlinken, in wesentlichen Zügen vergleichbar mit der deutschen Toskanafraktion. Schwingen gerne Reden über die Probleme in der Pariser Banlieue, setzen in diese trostlosen Gegenden aber selten mal einen Fuß. Man kennt das ja alles. Sie lesen gerne Philippe Djian oder Houellebecq (man beachte, die beiden Schriftsteller haben auf ihrer Webseite immer elegant eine Kippe in der Hand, genau wie damals Camus und Gainsbourg) und ihr Lieblingsmagazin heißt "Les Inrockuptibles". Auch ich bin dort abonniert, weil ich vermutlich selbst Züge eines Bobos in mir trage. In den Inrocks, wie man abgekürzt sagt, kann man immer wieder interessante Kulturberichte lesen, man erfährt von neuen Bands, Kinofilmen und den in Frankreich sehr beliebten Comics für Erwachsene, BD- Bandes Dessinées, genannt. Es gibt auch einen Politikteil, in dem in jeder Ausgabe zu erfahren ist, was für ein dummer und inkompetenter Sack doch dieser Sarkozy ist, wie arrogant und doof seine Carla ist (die Heuchler vorher fanden sie die noch gut!) und dass Obama die gesamte zivilisierte Menschheit retten und Frieden, Gesundheit und Wohlstand für Amerika und die Welt bringen wird. Ich bin immer wieder verblüfft darüber, wie die Schreiberlinge dieses Blattes die Menschheit in Gut und Böse einteilt und welch einfältiger Formeln sie sich bedienen. Obwohl ich keineswegs Fan von Sarko bin und als Amerikaner höchstwahrscheinlich (nein sicher!) auch Obama gewählt hätte, würde ich mir doch eine differenziertere Auseinandersetzung mit dem Thema wünschen. Denn machen wir uns hier einmal nichts vor: Bobos und Yuppies sind im Grunde genommen der gleiche Menschenschlag. Beide Gesellschaftsgruppen kommen nämlich aus dem gleichen Lager, haben einen ähnlichen Werdegang hinter sich. Es handelt sich um Leute mit gehobener Bildung und angeschlossenem Studium und später dann auch dem entsprechend gehobenem Einkommen. Man definiert sich nur anders, "ich bin konservativ", "ich bin links", was bedeutet das heutzutage schon noch? Man guck' sich doch nur mal den ehemaligen Turnschuhminister Joschka Fischer an, wie er mit seiner Süßen zur Filmpremiere des neuen James Bond Filmes getigert ist! Meine Güte ist das ein Schicki-Micki-Pärchen! Minu mit Glitzer-Colt und Joschka mit langem Mantel, ein Bild für die Götter! (ich habe natürlich trotzdem nichts gegen die beiden, sondern nur laut gelacht als ich das Foto gesehen habe; zudem benutzt man für Neureiche in Frankreich im Moment gerne den Ausdruck "bling bling", womit man auf den Glitzerschmuck dieser Leute anspielen will...)

Nein, nein, eine Spaltung der Gesellschaft in links und rechts, Bobo oder Yuppie ist mir zuwider und unzeitgemäß, ich plädiere ohnehin für die bunte Durchmischung und den Abgeodneten ohne Parteibuch. Ich plädiere, kommt da etwa der Jurist in mir hoch? Und warum erzähle ich das alles überhaupt? Hat das irgend etwas mit Herman Dune zu tun?

Nun, ich denke schon. Denn wenn das hübsche Lied Stanley Brinks von Stanley Brinks formerly known as André Herman Düne,, dem Bruder und ehemaligen Bandkollegen von David- Ivar Herman Dune (genannt Yaya) authentisch ist, dann war die Mutter eine gebildete und studierte Schwedin, die malte und gerne um die Welt reiste, irgendwann ihren späteren Mann, einen Arzt und passionierten Gitarrespieler, kennnenlernte und mit ihm (unter anderem) André und David-Ivar zeugte. Spannend dieses Hin - und Hergerissensein zwischen bürgerlicher Existenz und Künstlerdasein! Geradezu eine Klischeebeschreibung für die Herkunft von Bobos! Selbstverständlich kommt dies auch in der Person und der Musik von David-Ivar Herman Dune zum Ausdruck. Wenn man den hageren Mann mit seinem Hütchen und dem rasputinschen Bart so sieht, könnte man ihn ja glatt für einen Penner halten, aber man weiß ja, daß dem nicht so ist. Und so spiegelt sich sein Wesen und seine Art auch im Publikum wider. Wenn ich nach links schaute, sah ich einen Mitdreißiger, der kerzengerade mit Hemd, Anzugshose und geputzten schwarzen Schühchen dastand, das feine Näschen ziemlich hoch trug und wichtig etwas in seinen Blackberry tippte und wenn ich den Kopf nach rechts drehte, sah ich einen verwuschelten Typen mit wildem Bart und Parka. Äußerlich unterschiedlich, aber letztlich doch der gleiche Menschenschlag! Der eine hat wahrscheinlich Wirtschaft, Medizin oder Recht studiert und der andere Geschichte, Philosophie und Poltikwissenschaften (man verzeihe mir meine klischeehaften Beschreibungen, aber der Artikel würde viel zu lang, wenn ich tiefgründiger erörtern würde. Und außerdem: Was weiß ich schon, ob die Kerle überhaupt studiert haben?!) Von Herman Dune fühlen sich sich beide angezogen.

Aber jetzt schluß mit dem Fabulieren, kommen wir endlich zur Musik!

Eröffnet wurde der Wohlfühlabend für Akademiker von den niedlichen Baby Skins. Mit säuglinghaften Skinheads hatte das Ganze zum Glück nichts zu tun, sondern es handelt sich um das Projekt zweier Amerikanerinnen, Angela und Crystal, die beide sangen und Gitarre spielten. Eine Augenweide diese Schnuckelchen, mit ihren Kleidchen, den hübschen Schuhen und den schönen Beinen. Auch ihre Stimmen waren äußerst lieblich und charmant, wer etwas mit Kimya Dawson, Au Revoir Simone, oder Isobel Campbell anfangen kann, wird sicherlich seine Freude an ihrer CD haben, die man hinterher am Merchandising- Stand kaufen konnte. Die beiden Süßen haben bereits ihre Stimmen auf dem Album Giant von Herman Dune erklingen lassen und auch mit Lisa Li- Lund, der Schwester von Yaya haben sie bereits zusammengearbeitet. Logisch, daß dann am Ende auch David-Ivar Dune sich höchstpersönlich die Ehre gab, um die jungen Frauen zu unterstützen. Mit dabei war auch Ben, der ehemalige Gitarrist des famosen und sträflich unterschätzten Pariser Duos Cyann & Ben, das sich inzwischen aufgelöst hat. Aber Ben hat in der Zwischenzeit zahlreiche neue Betätigungsfelder gefunden. Wenn er nicht gerade in der Band von Herman Dune spielt, ist er mit seinem taufrischen Projekt Yeti Lane unterwegs, daß ich bereits im Januar 2009 begutachten werde.

Als ich Ben auf der Bühne erblickte, mußte ich sofort an Sylvain aka Ludomatic (ein Bobo, Lieblingsschriftsteller Houellebecq, nachzulesen auf seinem MySpace Profil, Treffer!) denken, der für Cyann und Ben schon Videoclips gedreht hat. Ich habe den sehr sympathischen jungen Mann in der Flèche d'or kennengelernt, er ist auch Dokufilmer und hat für die inzwischen aufgelöste Band Hopper eine 30 minütige Reportage während ihrer diesjährigen China (!)- Tournee gefilmt. Ich fragte mich schon, ob ich Sylvain heute auch noch sehen würde und siehe da: In der Pause zwischen Vorgruppe und Hauptact kam er mit Profikamera angelaufen, gab mir ein Küsschen auf die Wange (das machen in Frankreich auch Männer untereinander, wenn sie sich mögen) und begab sich in den Fotograben. Wich ich erfuhr, würde er das Konzert von Herman Dune komplett filmen. Eine tolle Sache!

Circa gegen 21 Uhr konnte Ludomatic dann mit seiner Arbeit beginnen. David-Ivar kam nämlich auf die Bühne, genauso wie sein Drummer Neman, eine ganze Sektion Blechbläser (Trompete, Klarinette, Horn), Ben spielte wieder Gitarre und die Baby Skins waren für die lieblichen Background- Vocals zuständig. Eine richtige Kapelle war das also und die Damen und Herren sollten dem Publikum einen wunderbaren Abend bereiten!

Alles war wunderbar harmonisch, die Musik schwung-und stimmunsvoll und die Künstler auf der Bühne motiviert und mit Spaß bei der Sache. Im Grunde genommen war es ja eine Art Heimspiel für Yaya Dune, der sich oft in Paris aufhält und die Seine-Metropole, genau wie Berlin und New York zu seinen drei Hauptwohnsitzen zählt. Dune ist trotz seiner inzwischen eingetretenen Erfolge natürlich und zugänglich geblieben, oft schon gab er kleine Sessions in dem hervorragend sortierten Indie-CD und Plattenladen Ground Zero, der von Frank Pompidor, dem Schlagzeuger der Band HushPuppies mit Liebe und Hingabe geführt wird. Als vor ein paar Monaten die neue CD Next Year In Zion herauskam, ließ sich Yaya wieder dort blicken, für einen richtigen Auftritt reichte aber der Platz nicht und so signierte er halt eben vor Ort die Scheibchen. Von seinem Bruder André (jetzt Stanley Brinks) gibt es in dem Laden übrigens die größte Auswahl Frankreichs, sie haben so gut wie jede der unzähligen Werke vorrätig. Und auch auf der Bühne des altehrwürdigen Olympia zeiget er sich bescheiden und zog keine Show ab. Wenn er mal ein paar Worte auf französisch an das Publikum richtete, dann war er in seiner Wortwahl sehr knapp und wenig ausschweifend: "On est content d'être ici ce soir, c'est bien que vous êtes venus"- "Wir sind froh, daß wir heute abend hier sind und ihr alle gekommen seit".

Schon ein skuriler Vogel dieser David Ivar Herman Düne, wenn er da mit seinem Anzug und Hütchen über die Bühne trippelt, mal einen Abstecher zu seinem Gitarristen Ben, oder dem Drummer Neman macht, um sich schließlich wieder in Ruhe hinter dem Mikro zu postieren. Seine Stimme ist sehr markant, schräg und außergewöhnlich, er trifft allerdings jeden Ton und schafft es, die Vocals von den Platten nahezu perfekt wiederzugeben. Bei den einzelnen Stücken wird allerdings immer ein wenig improvisiert, man hört nie ganz genau die gleiche Version, die man vom Album her kennt, was ich sehr lobenswert finde, weil man ja ansonsten auch bei sich zu Hause die Scheibe laut hören könnte.

Die meisten Titel stammten von dem Opus Giant und natürlich dem aktuellen Output, aber es gab auch Stücke von Not On Top, meinem Lieblingsalbum des Künstlers. Besonders cool kam der Titeltrack, bei dem nicht nur der Rhythmus flott ist, sondern auch die Texte herrlich zynisch und selbstironisch:

"I feel a little strange
Feels like I'll never get my shit together
27 and I'm fucked
Well, it's 10 years from teenage
and that's a freaking lot
I think I'm getting old
and I thought I'd never say
that I bought Nevermind
and it changed my life"...

Yaya stand auf Nirvana, interessant, oder? Nicht das man das heute noch hören würde, aber der Bursche hat eine solche Musikkultur, daß einem ganz schwindelig wird! Sie reicht von seiner Lieblingsband The Velvet Underground (ein Einfluß, den man auch kaum erkennt), über die Beatles und Bob Dylan bis hin zu...Harry Belafonte! Und von dem Calypso- Einfluss Belafontes ist eine Menge zu spüren, irgendwo schwirrte in vielen Liedern des heutigen abends Angelina oder der Banana Boat Song rum. Aber auch deutliche Ähnlickeiten zu Calexico und deren Mariachi- Trompeten waren festzustellen, gerade bei dem neuen Material wie On A Saturday oder dem dem Laune machenden Titeltrack Next Year in Zion. Natürlich wurde auch der größte Hit von Giant, I Wish I Could See You Soon geschmettert, genauso Take Him Back To New York City und wenn ich mich recht entsinne 123 Apple Tree, nicht allerdings Bristol.

Erstaunlich, daß trotz all dieser euphorisierenden Lieder das Publikum nur schwerlich in die Gänge kam. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis die Leute zum ersten Mal richtig mitklatschten. Ansonsten waren die meisten eher ruhig und hüftsteif, was allerdings auch damit zu begründen war, daß man ziemlich eingekesselt stand. Zu viele Menschen auf zu engem Raum, da blieb kaum Platz für Bewegung, schade, schade!

Aber wenistens den verdienten lauten Beifall spendeten die Leute nach jedem Lied. Den größten Szenenapplaus erntete Yaya allerdings, als er sich die winzige Ukulele schnappte, um darauf ein Liedchen anzustimmen und auch in dem Moment, wo ein älterer Herr hinzutrat, der in eine Mundharmonika blies. Man merkt es schon: An unterschiedlichsten Instrumenten wurde nicht gespart und so wurde auch gut die einzige kleine Schwäche im Programm kompensiert. Die Tatsache nämlich, daß die Stimme von David- Ivar auf Dauer etwas eintönig und nervig werden kann.

Auch zur besten unter etlichen Zugaben kam schließlich ein kurioses Instrument zum Einsatz. Neman spielte nämlich bei dem tollen My Home Is Nowhere Without You auf der singenden Säge, was seinen belustigenden Effekt bei den Zuschauern natürlich nicht vefehlte.

Nach gut neunzig Minuten und mindestens 5 Zugaben war dann allerdings Schluß und ein grauer, verregneter Wintertag in Paris wesentlich freundlicher gestaltet!

Freut Euch also auf die Konzerte von Herman Dune in Deutschland! Hier sind die Termine:

04.12.2008: Feierwerk, München
05.12.2008: Fri Son, Fribourg, Schweiz
06.12.2008: Feuerwache, Mannheim
07.12.2008: Gloria, Köln
08.12.2008: Zeche, Bochum
09.12.2008: Columbiahalle, Berlin
11.12.2008: Fabrik, Hamburg


Dienstag, 2. Dezember 2008

The Rascals, Paris, 01.12.08

2Kommentare

Konzert: The Rascals

Ort: La Maroquzinerie, Paris
Datum: 01.12.2008
Zuschauer: vermutlich ausverkauft
Konzertdauer: 60-65 Minuten, also arg kurz



Miles Kane, der Sänger und Gitarrist der britischen Rockband The Rascals hat einen lausbübischen Charme, dem man sich kaum entziehen kann. Man kennt solche Typen ja noch aus der Schule. Machen selten ihre Hausaufgabe und gerne auch mal blau, aber wenn sie den Lehrer oder die Lehrerin mit ihrem Dackelblick und einem leicht schelmischen Grinsen anschauen, wird ihnen schnell jeder Unfug verziehen. Auch in der Klasse sind solche Charaktere beliebt, jeder mag sie, sie sind unkompliziert, nett und auf angenehme Weise etwas chaotisch.

Auch die jungen Mädchen in Paris mögen Miles Kane, zumindest warteten sie nach dem Konzert sehr geduldig, bis der schlaksige Frontmann endlich aus der Kabine gekrochen kam und sich im Flur der Maroquinerie blicken ließ. Irgendwie ist es immer das Gleiche wenn junge britische Bands spielen: Da sieht man fesch gekleidete Girlies mit Lederjacke und Converseschuhen, die nur darauf warten, dem Sänger (seltener dem Bassisten oder Schlagzeuger) ein Küßchen auf die Wange zu drücken, ein Erinnerungsfoto mit ihrem Handy zu schießen (das oft mehrfach wiederholt werden muß, weil sich die Mädels hinterher auf dem Foto immer zu dick finden. "Warte, ich muß noch ein Bild machen, auf dem ich kein Doppelkinn habe!", hört man sie dann oft schnattern) und ihm eine rote Rose zu überreichen (sehr beliebt in letzter Zeit!). Die ganz frechen und kessen dieser Mädels versuchen dann sogar ihre Handynummer weiterzureichen, oder zu erfragen, wo denn das Hotel sei, in dem die Band nächtigt (warum wollen die das bloß wissen?).

Ja, diese Szenen wiederholen sich ständig, ich hatte in der letzten Zeit desöfteren diese Déjà-Vu Erlebnisse, da ich innerhalb kurzer Zeit bei den Kooks, den Dirty Pretty Things, Pete Doherty und Razorlight war. Oft sind es die gleichen Mädchen, die da warten, was mich zum Schluß kommen lässt, daß es eigentlich unerheblich ist, ob der jeweilige 10 Minuten-Traumboy (oder länger, falls die Hoteladresse doch gefunden werden sollte!) Luke Pritchard, Carl Barât, Pete Doherty, Johnny Borrell oder eben Miles Kane heißt. Seltsam nur, daß keines dieser jungen Dinger vor ein paar Monaten auf John Bramwell von I Am Kloot, oder vor ein paar Jahren auf Guy Garvey von Elbow gewartet hat. Dabei machen die Letztgenannten die bessere Musik!

Aber egal, angesagt ist eben wer gerade am vorteilhaftesten die engen Slim-Jeans ausfüllt, die spitzeren Schuhe oder das szenigere Hütchen hat. Rockmusik war schon immer Lifestyle, Popkultur und Modenshow. Das war bereits bei den Punks so und auch bei Iggy Pop, den Beatles und David Bowie.

Kommen wir zum Kern der Sache. Genau...der Musik! Wie war das Konzert? Nun, Im Grunde genommen auch so ähnlich wie bei den meisten jungen britischen Bands. Eine knackig-zackige Stunde Gitarrengeschrammel, polternde Bässe und ein schmissiges Schlagzeug, keine Schnörkel, keine langen Ansagen oder gar Anekdoten und hinterher eine naßgeschwitzte aber zufriedene Meute, die berichtet: "War 'n dolles Konzert jewesen, so 'ne richtig knorke Sache!"

Aber selbst wenn ich die Rolle des Spielverderbers nicht sonderlich schätze, muss ich leider anmerken, daß mir irgendetwas fehlte. Klar, die ganze Sache kam mit viel Schwung und Leidenschaft rüber, ein paar Hits waren auch dabei (hervorzuheben: Is It Too Late? und Fear Invicted Into The Perfect Stranger) und das Publikum hat getanzt und Spaß gehabt. Aber wo war da die eigene Identität der Band, die auf den Namen The Rascals hört? Im Grunde genommen lieferten die drei Jungs eine Stunde lang Material ab, daß sich von Lied zu Lied kaum unterschied und zudem schon fast genauso von den Arctic Monkeys geboten wurde. Die Ähnlickeit der Stimmen von Miles Kane und Alex Turner ist wahrlich verblüffend! Auch der Sound ist nah dran an den arktischen Affen, aber bei den Rascals kommt noch ein kleiner Hauch psychedelisch-bollernder und bluesiger Stonerrock hinzu, den Josh Homme unter dem Namen Queens Of The Stone Age bekannt gemacht hat. Die ganze Sache wird schließlich abgerundet durch eine Brise 60 ies Pop, wie ihn The Coral zuvor schon einmal origineller hinbekommen haben. Letztlich also so gut wie gar nichts Neues an einer zweifelsohne sympathischen Band, die mich zwar keineswegs gelangweilt, aber doch wenig fasziniert hat.

Die einzige Zugabe war dann allerdings wirklich gelungen. Instant Karma von John Lennon wurde duch den rascalschen Fleischwolf gedreht, wuchtiger und wesentlich rockiger gemacht und trug auch nicht diese sülzige Note, die mich bei der Friedenstaube John Lennon immer genervt hat.

Miles Kane ist ein netter Kerl, ich kann ihm gar nicht übel nehmen, daß seine Band nicht genial ist, sondern nur gehobener Durchschnitt. Man verbringt mit ihm und seinen zwei Kollegen eine flotte Stunde, trinkt seine drei Bierchen, wünscht den Jungs hinterher noch viel Erfolg und geht zum nächsten Konzert über. Und diesmal keine Britpoper, uff! Morgen stehen nämlich Herman Dune auf dem Programm. Darauf freue ich mich schon jetzt!

Setlist The Rascals, La Maroquinerie, Paris:

01: Out Of Dreams
02: Bond Girl
03: Freakbeat Phantom
04: Does Your Husband Know, That You're On The Run?
05: How Do I End This?
06: People Watching
07: Stockings To Suit
08: Fear Invicted Into The Perfect Stranger
09: Chills And Fever (neu)
10: I'd Be Lying To You
11: Better In The Shadows
12: Diamond Trip
13: All That Jazz (Echo & The Bunnymen Cover)
14: I'll Give You Sympathy
15: Is It Too Late?

16: Instant Karma (John Lennon Cover) (Z)


Links:

- aus unserem Archiv
- The Rascals in Essen vor ein paar Tagen. Christoph war deutlich euphorischer.
- The Rascals in der Pariser Flèche d'or
- mehr Fotos von den Rascals (eigentlich nur Miles Kane, die anderen waren verdeckt)
- Video The Rascals Instant Karma live aus der Pariser Maroquinerie, von RockingParis.
- 9 Minuten Videomitschnitt aus der Pariser Maroquinerie vom Ende des Konzertes



Montag, 1. Dezember 2008

Razorlight, Paris, 30.11.08

1 Kommentare

Konzert: Razorlight (Housse De Racket)

Ort: Le Bataclan, Paris
Datum: 30.11.2008
Zuschauer: nicht ganz ausverkauft, aber letztlich doch sehr gut besucht
Konzertdauer: ca. 95 Minuten



"Je déteste Razorlight" ("ich hasse Razorlight") oder freundlicher ausgedrückt "je n'aime pas Razorlight" ("ich mag die nicht"), solche und ähnliche Sprüche hatte ich von französischen Indiemusikfans in letzter Zeit desöfteren gehört.

Nachdem der britische NME nun schon seit Jahren über die Band von Johnny Borrell herzieht und in letzter Zeit auch viele andere Musikmagazine das neue Album verrissen haben, rücken nun auch verstärkt Indie-und Britpophörer von Razorlight ab. Warum eigentlich? Sind die wirklich so mainstreamlastig und kommerziell geworden, daß niemand, der etwas auf seinen guten Musikgeschmack gibt, lobende Worte für die englisch-schwedische Formation findet?

Liegt es vielleicht am neidisch machenden Erfolg von Razorlight, die schließlich nicht nur viele CDs verkaufen, sondern auch bereits erster Headliner beim renommiertesten (wenn man mal von Glastonbury absieht) britischen Festival in Leeds/Reading waren? Oder daran, daß Johnny Borrell wirklich der arrogante Kotzbrocken ist, zu den ihn die Musikpresse macht?

Langsam begann selbst ich, der auch auf dieser Musikseite Razorlight immer verteidigt hat, leise Zweifel zu bekommen. Vielleicht sind die ja wirklich so scheiße und ich habe es bloß noch nicht gerafft? Und dann auch noch dieser schwächelnde Vorverkauf mit dem beängstigenden Bulletin bei MySpace, wo der Konzertveranstalter Alias ganz kurz vor dem Konzerttermin noch eine Aktion veranstaltete, bei der man beim Kauf von zwei Karten nur eine einzige bezahlen musste. Kein gutes Zeichen für reißenden Absatz so etwas! Auweia!...

Meine Erwartungshaltung war dementsprechedn gedämpft, wohlwissend, daß mich Razorlight bei den vielen Konzerten, die ich von ihenn gesehen habe, noch nie enttäuscht hatten.

Als ich vor dem Bataclan ankam, war dann auch konsequenterweise nicht allzuviel los. Schwarzhändler versuchten zu deutlich gedrückten Preisen, noch Ticktes loszuschlagen, was ihnen gar nicht so leicht fiel. Ich versuchte diesen Umstand zu verdrängen und ging rein. Pünktlich um 20 Uhr legten dann gleich meine Pariser Bekannten Housse De Racket los. Seitdem ich die Jungs mit ihren Schirmkappen und Lacoste- Polos zum ersten Mal bei Rock en Seine gesehen hatte, fand ich die witzig und unterhaltsam und die Musik catchy und eingängig obendrauf. Mir war sofort klar, daß man bei der Band, die sich über den Tennissport und seine Eigenheiten lustig macht, nicht alles allzu Ernst nehmen darf. Hier gilt es vieles mit dem zwinkernden Auge zu betrachten, was allerdings nicht heißt, daß die Musiker technisch nichts draufhätten. Unterhaltung und spielerisches Können müssen sich ja keinsewegs zwangsläufig ausschließen und so bekam ich heute wieder eine köstliche Tennissstunde von Piere und... erteilt. Die beiden Jungs, die von einer ursprünglich 5 Mann starken Band übrig geblieben sind, mischten gekonnt, Pop mit einem Hauch French Touch, Elektromusik im Stile ihrer Landsleute von Daft Punk, und Rock zu einem explosiven Cocktail, der dem Publikum auf Anhieb gefiel. Selten erlebt man, daß im Bataclan Leute bei der Vorgruppe mitklatschen, aber heute war dies der Fall, was eindeutig für die Band, die traditionell ganz in weiß erschien, spricht. Ihre Titel, ebenfalls vom Tennis inspiriert, hießen u.a. Forty Love, Oh Yeah!, oder auch Synthétiseur, mit dem sie ein erfrischendes Set nach circa einer halben Stunde abschlossen. Man muss die beiden Jungs, die zur Zeit mit Razorlight durch ganz Frankreich touren, im Auge behalten!

Im Auge hielt ich persönlich in der darauffolgenden Pause die zahlreichen hübschen Girlies im Publikum. Wenigstens die sind Razorlight also treu geblieben! Aber kommen die auch wirklich für die Musik, oder warten die nur darauf, daß Johnny Borrell sein T-Shirt auszieht? Falls die zweite Variante die richtige Antwort ist, hatten sie heute leider Pech gehabt, denn Johnny machte sich obenherum nicht frei! Das hat er sich wohl abgewöhnt, denn schon beim Konzert in der Pariser Maroquinerie vor ein paar Wochen blieb er züchtig.

Statt auf diese Mätzchen verließ sich der blondgelockte Bandleader lieber auf die alten Hits, um mit viel Schwung ins Programm zu starten. Mit Golden Touch und In The Morning wurden nämlich gleich zu Beginn zwei Knüller rausgehauen.

Die Stimmung war sofort prima, was auch daran lag, daß wesentlich schneller und schrammeliger als auf den Alben gespielt wurde. Leute, die bei Razorlight einen glattgebügelten Mainstreamrock kritisieren, wurden also von Beginn an Lügen gestraft. "Gut so Johnny, stopf' den Lästerern das Maul!", dachte ich mir und war happy, heute im Bataclan zu sein. Auch von der vielzitierten Arroganz des Bandleaders war nichts zu spüren. Zusammen mit seinen zwei schwedischen Mitstreitern, Carl Gustaf Dalemo und Björn Sten Agren an Bass und Gitarre und dem langmähnigen Superdrummer Andy Burrows war er auf die Bühne gekommen und zog nicht die oft beobachete Show ab, bei der der Sänger immer 5 Minuten später als der Rest der Truppe erscheint.

Verstärkt wurde das Bühnenlineup durch einen Pianisten, der allerdings nur ab und zu zum Einsatz kam und auch durch eine hübsche Backgroundsängerin und Percussionistin, die auch schon in der Maroquinerie mit dabei war.

Nach einem furiosen Don't Go Back To Dalston traute sich die Band zum ersten Mal an die Liveerprobung eines neuen Stückes heran. Tabloid Lover zog dafür schon ganz gut, kam aber nicht an die Wucht und Dynamik von Before I Fall To Pieces heran. Überflüssig zu erwähnen, daß auch der bisher größte Hit von Razorlight, America, nach wie vor äußerst beliebt ist. Schon nach den schnell erkannten melancholischen Gitarrentönen zu Beginn des Songs, entfuhren etlichen entzückten Mädchen im Bataclan gellende Schreie.

Mir persönlich gefielen die folgenden zwei neuen Stücke aber besser als die totgenudelte Radionummer. Sowohl Hostage Of Love als auch 60 Thompson trug Johnny Borrell auf einer Akustikgitarre vor und ich kann wirklich nicht verstehen, warum das neue Album so verrissen wurde, wenn solche Perlen darauf enthalten sind! Gerade Hostage Of Love gehört für mich zum Besten, was Razorlight je geschrieben haben! Das Konzert war also bereits in der Mitte in trockenen Tüchern, soviel stand fest. Und selbst wenn in der Folge mal kleinere Hänger drin waren und nicht jeder der Neulinge umwerfend war (einen gewissen Kitschfaktor will selbst ich als Fan nicht leugnen!), konnte ein durchgängig gutes und flottes Niveau gehalten werden, auch wenn der Bassist seltsam unbeteiligt schien. Die Show war ganz und gar auf Borrell ausgelegt und wenn nicht der hütchentragende schwedische Gitarrist Björn Sten Agren am Ende ein wenig aufgetaut wäre, hätte man auch an seiner Stelle einen Roboter aufbieten können. Akzente gingen also wieder einmal nur von Johnny und dem wahnsinnig guten Schlagzeuger Andy Burrows aus, der auch heute durch seinen mächtigen Bums, seine Präzision und seine Schnelligkeit herausragte.

Für eine Ballade setzte sich der Razorlight- Boss dann hinter das Piano, bevor gegen Ende erneut mächtig Dampf gemacht wurde. Rip It Up war schließlich ein guter und würdiger Schlusspunkt unter den offiziellen Teil, der circa 65 kurzweilige Minuten gedauert hatte.

Im Zugabenteil gab es dann wie immer das unvermeidliche Fall, Fall, Fall, das Mister Borrell regelmäßig ganz alleine vorträgt und bei dem er seinen großen Moment hat, wenn er eine Silbe über etliche Sekunden lang zieht und so seine stimmlichen Qualitäten unter Beweis stellt. Ich mochte die Nummer noch nie und bevorzuge ganz klar die rockigeren Songs wie zum Beispiel Rock'n Roll Lies vom ersten Album.

Das Beste hatten sich die Briten allerdings konsequenterweise für den Schluss aufgehoben. Somewhere Else, die Single die zwischen erstem und zweitem Album auf den Markt geworfen worden war, ist ein toller Popsong, bei dem der Mitsing-und Geräuschpegel zu Recht seinen höchsten Stand aufwies.

Unter dem Strich war mir nach gut 90 Minuten erneut bewußt geworden, daß Razorlight keinesfalls scheiße sind, sondern nach wie vor eine der besten britischen Livebands.

Demzufolge heißt es bei mir auch weiterhin: "J'aime beaucoup Razorlight!!! - Merci Johnny!" Und ob andere Leute das nun schlecht finden, ist mir auch schnuppe. Da vergieße ich wirklich keinen Tropfen Sperma für!

Setlist Razorlight, Le Bataclan, Paris:

01: Golden Touch
02: In The Morning
03: Don't Go Back To Dalston
04: Tabloid Lover
05: Before I Fall To Pieces
06: Vice
07: Amercia
08: Hostage Of Love
09: 60 Thompson
10: In The City
11: North London Trash
12: Back To The Start
13: Stumble And Fall
14: Stinger
15: I Can't Stop This Feeling I've Got
16: Wire To Wire
17: Blood For Wild
18: Rip It Up

19: Funeral Blues (Z)
20: Fall, Fall, Fall (Z)
21: You And The Rest (Z)
22: Rock'n Roll Lies (Z)
23: Burberry Blue Eyes (Z)
24: Somewhere Else (Z)


 

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